Wahlkompass Berlin

Vergesellschaften oder Genossenschaften stärken: Welchen Weg wollen die Parteien bei bezahlbaren Wohnungen gehen?

Eine Frage aus der öffentlichen Debatte um die Koalitionsverhandlungen (Stand 15. Oktober 2026). Wir beantworten sie dokumentarisch aus den Wahlprogrammen — jede Aussage führt auf die belegten Sachfragen des Wahlkompass zurück.

2021 hat Berlin abgestimmt: Eine Mehrheit votierte beim Volksentscheid dafür, Wohnungsunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen gegen Entschädigung in Gemeineigentum zu überführen. Das nennt man Vergesellschaftung; das Grundgesetz erlaubt sie in Artikel 15. In den Sondierungen von Linken, Grünen und SPD ist sie der zweite große Streitpunkt, und am 11. Oktober gingen die Unterhändler dazu ohne Ergebnis auseinander. Seitdem liegt ein anderer Weg auf dem Tisch: Der Verband der Berliner Wohnungsunternehmen bietet mehr Mieterschutz, mehr Genossenschaften und mehr Förderung an. Genossenschaften gehören ihren Mitgliedern; wer dort wohnt, ist Miteigentümer und mietet von sich selbst. Gesetz oder Genossenschaft — und die Programme? Bei der Vergesellschaftung liegen sie so weit auseinander wie bei kaum einer anderen Frage, bei den Genossenschaften sind sich alle fünf einig.

Die Grundlage im Wahlkompass

Die Positionen der Parteien

CDU

Die CDU sagt Nein zur Vergesellschaftung — grundsätzlich: Für sie ist sie ein »Anschlag auf Eigentum«. Bezahlbare Wohnungen sucht sie bei den Genossenschaften, und sie beziffert das Ziel: Mindestens 1.000 genossenschaftliche Wohnungen sollen jedes Jahr neu entstehen, rund 800 davon gefördert. Wer Genossenschaftsanteile erwerben will, soll zinsgünstige Darlehen und Zuschüsse bekommen. Für Aufstockung und Nachverdichtung genossenschaftlicher Häuser kündigt sie ein eigenes Darlehensprogramm an, dazu angepasste Erbbaurechte. Andere gemeinwohlorientierte Vermieter sollen bei vergleichbarer sozialer Ausrichtung dieselbe Förderung erhalten.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗ Beleg 6 ↗

SPD

Zur Vergesellschaftung privater Wohnungsbestände schweigt das Programm der SPD vollständig. Umso deutlicher wird es bei den gemeinwohlorientierten Vermietern: Mehr als die Hälfte der neuen Wohnungen soll bei landeseigenen Gesellschaften, Genossenschaften und anderen gemeinwohlorientierten Unternehmen entstehen. Die Genossenschaftsförderung soll zur zweiten Säule des öffentlichen Wohnungsbauprogramms werden. Geeignete landeseigene Flächen will die SPD dafür bereitstellen, vor allem im Erbbaurecht: Das Land bleibt Eigentümer des Bodens, die Genossenschaft baut darauf und zahlt dafür einen Zins.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗

Bündnis 90/Die Grünen

Eigenständig äußern sich die Grünen zur Vergesellschaftung nicht; sie nennen sie nur als letzte mögliche Folge eines schärferen Leerstandsgesetzes, wenn Wohnraum sechs Monate leer steht. Für die Genossenschaften planen sie dagegen viel. Ein »Genossenschaftspakt Berlin« soll mit Genossenschaften und gemeinwohlorientierten Trägern einen Maßnahmenplan für weniger Bürokratie, Projektfinanzierung und Grundstückszugang entwickeln. Städtische Flächen sollen sie per Erbbaurecht zu niedrigen, dauerhaft festen Zinsen bekommen. Und bei Planungsverfahren und Quartiersentwicklungen sollen Genossenschaften systematisch eingebunden werden.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗

Die Linke

Die Linke will beides, und das Gewicht liegt eindeutig beim Gesetz: Sie will den Volksentscheid vollständig umsetzen, mit einem verbindlichen Vergesellschaftungsgesetz und festem Zeitplan; rund 220.000 Wohnungen sollen in öffentliche Hand. Daneben will sie die Genossenschaftsförderung aufstocken und reformieren und dafür ein neues Amt schaffen, eine Genossenschaftsbeauftragte oder einen Genossenschaftsbeauftragten. Gefördert werden soll künftig nach dem, was ein Unternehmen tut, nicht allein nach seiner Rechtsform. Flächen sollen Genossenschaften per Erbpacht zu Bedingungen bekommen, die sich an dem Ertrag ausrichten, den preisgünstige Wohnungen abwerfen.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗

AfD

Die AfD lehnt Vergesellschaftung ab, als planwirtschaftliches Instrument: Dadurch entstehe keine einzige neue Wohnung, und private Vermieter würden von Investitionen in Neubau und Bestand abgeschreckt. Die Genossenschaften will sie dagegen stärken. Mit einer verstärkten Förderung des Genossenschaftswesens sollen mehr Bürger zu genossenschaftlichem Wohnraum kommen, und bei der Vergabe landeseigener Baugrundstücke sollen Genossenschaften Vorrang haben. Wie die Förderung im Einzelnen aussehen soll, sagt das Programm nicht.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Was die Parteien seit der Wahl dazu gesagt haben

SPD · Martin Hikel (Bezirksbürgermeister Neukölln, früherer Landesvorsitzender) im Interview mit der SZ · Interview · 30. September 2026

»Aber es muss bereits vor der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zwingend ein Mitgliedervotum geben.«

kein Programmbezug: Verfahrensforderung und Koalitionsbedingung eines SPD-Bezirkspolitikers; zur Vergesellschaftung positioniert sich das SPD-Programm selbst.

Quelle: Rot-grün-rote Sondierungsgespräche: »Das wird das Land Berlin in den Ruin treiben« (berichtet von Süddeutsche Zeitung, 30. September 2026)

Grüne · Werner Graf (Spitzenkandidat) im Gespräch mit der Berliner Morgenpost · Interview · 28. September 2026

»Wir wollen den Volksentscheid umsetzen, das ist das Gebot der Stunde«

im Programm nicht enthalten: Das Wahlprogramm der Grünen nennt Vergesellschaftung nur als letzte Konsequenz bei spekulativem Leerstand (»in letzter Konsequenz vergesellschaftet werden kann«); zur Umsetzung des Volksentscheids »Deutsche Wohnen & Co enteignen« enthält es keine Aussage. Beleg 1 ↗

Quelle: Newsblog zur Berlin-Wahl (Stand 28.09.2026) (berichtet von Tagesspiegel, 28. September 2026)

Linke · Landesparteitag der Linken Berlin (Sondierungsbeschluss) · Beschluss · 25. September 2026

»Wir werden die Umsetzung der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne in den Gesprächen mit SPD und Grünen zwingend verabreden.«

deckt sich mit dem Programm: Im Programm heißt es, die Linke werde »verbindlich ein Berliner Vergesellschaftungsgesetz erarbeiten«; der Beschluss macht daraus nun ausdrücklich eine Bedingung für die Gespräche. Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Quelle: Drei Parteien, vier Themen: Das sind die Knackpunkte für die Berliner Sondierungen (berichtet von Tagesspiegel, 26. September 2026)

Linke · Elif Eralp (Spitzenkandidatin) · Pressekonferenz · 25. September 2026

»Nächste Woche beginnen die Gespräche und ich freue mich sehr, mit Grünen und SPD darüber zu sprechen, wie wir die Mietenkrise angehen.«

deckt sich mit dem Programm: Das Programm der Linken stellt die Wohnungsfrage ins Zentrum; es heißt dort, der Volksentscheid zur Vergesellschaftung »wird umgesetzt«. Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Quelle: Newsblog zur Berlin-Wahl (Stand 26.09.2026) (berichtet von Tagesspiegel, 26. September 2026)

Linke · Elif Eralp (Spitzenkandidatin) auf dem Landesparteitag · Parteitag · 25. September 2026

»Es braucht eine Politik, die sich mit den Immobilienkonzernen anlegt … selbstverständlich auch die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände von Immobilienkonzernen«

deckt sich mit dem Programm: Im Programm heißt es: »Dieser Volksentscheid wird umgesetzt.« Die Äußerung wiederholt diese Linie vor Beginn der Sondierungen. Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Quelle: Newsblog zur Berlin-Wahl: Sonderparteitag der Berliner Linke (Stand 25.09.2026) (berichtet von Tagesspiegel, 25. September 2026)

CDU · Stefan Evers (CDU-Spitzenkandidat) · Interview · 21. September 2026

(indirekt) Die Linke werde einen »Realitätscheck« erleben – ihre Versprechen hätten »recht wenig mit der Lage zu tun, in der sich Berlin aktuell … befindet«.

deckt sich mit dem Programm: Im Wahlprogramm lehnt die CDU die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände pauschal als »Enteignung« ab, ohne sich mit der verfassungsrechtlichen Frage nach Artikel 15 Grundgesetz oder den Berliner Fachgutachten auseinanderzusetzen — die Äußerung hält an dieser ablehnenden Linie nach der Wahl fest. Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Quelle: Der Morgen nach der Berlin-Wahl (Liveticker) (berichtet von Berliner Zeitung, 21. September 2026)

4 weitere im Archiv der Äußerungen →

Was heißt das für die Koalitionsgespräche?

Linke + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Bei den Genossenschaften ziehen alle drei an einem Strang: mehr Förderung, landeseigene Flächen im Erbbaurecht oder in Erbpacht, besserer Zugang für gemeinwohlorientierte Vermieter. Die SPD will sogar mehr als die Hälfte aller neuen Wohnungen bei solchen Trägern sehen.

Knackpunkte: Bei der Vergesellschaftung endet die Gemeinsamkeit. Die Linke will ein Gesetz mit festem Zeitplan für rund 220.000 Wohnungen, die Grünen nennen das Instrument nur als letzte Folge bei spekulativem Leerstand, die SPD schweigt. Den Genossenschaftsweg können alle drei mit ihrem Programm gehen; die Vergesellschaftung trägt nur eines davon.

CDU + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Auch diese drei wollen die Genossenschaften stärken, und die CDU nennt als einzige eine feste Zahl: mindestens 1.000 neue genossenschaftliche Wohnungen im Jahr. Das Erbbaurecht als Weg zu landeseigenen Flächen steht in allen drei Programmen.

Knackpunkte: Bei der Vergesellschaftung steht ein klares Nein der CDU gegen zwei Programme, die sich kaum festlegen: Die SPD schweigt, die Grünen nennen sie nur für den Fall spekulativen Leerstands. Ein Nein trifft hier auf ein Schweigen und einen Vorbehalt.

Redaktionell verdichtet aus den verlinkten Sachfragen und Programm-Belegen (Vorgehensweise).