Wie wir die Koalitionsverhandlungen begleiten
Seit der Wahl vom 20. September 2026 begleitet der Wahlkompass die Bildung der neuen Landesregierung. Der Grundsatz bleibt derselbe wie vor der Wahl: Wir zeigen Wort für Wort, was die Parteien ihren Wählerinnen und Wählern schriftlich zugesagt haben. Genau das ist in Verhandlungswochen die nützlichste Information: der Maßstab, an dem sich ein späterer Koalitionsvertrag messen lassen muss. Die öffentliche Debatte um die Regierungsbildung ordnen wir ein und fällen dabei ein eigenes Urteil.
Die Grundlage
Alles auf diesen Seiten führt auf die belegte Programm-Analyse des Wahlkompass zurück: 192 Sachfragen, alle fünf Programme vollständig erfasst, jede Aussage mit wörtlichem Zitat und Fundort. Wie diese Grundlage entstanden ist, beschreibt die Vorgehensweise der Programm-Analyse.
Die Bausteine
Wahlergebnis und mögliche Koalitionen. Die Zahlen auf der Startseite stammen von der Landeswahlleiterin (vorläufiges Ergebnis; nach Feststellung des endgültigen Ergebnisses aktualisieren wir). Welche Bündnisse wir betrachten, ist rein rechnerisch bestimmt: Mehrheiten ohne die AfD. Ein ebenfalls rechnerisch mögliches Bündnis aus Linke und CDU hat die CDU durch ihren Unvereinbarkeitsbeschluss ausgeschlossen.
Der Programmvergleich je Koalition. Für jedes denkbare Bündnis stufen wir jede Sachfrage nach festen Regeln ein: gegensätzlich (die Partner stehen belegt auf entgegengesetzten Seiten), gleiche Richtung, verschiedene Ansätze, nur eine Partei positioniert, keine Aussage. Diese Einstufung wird aus den dokumentierten Übereinstimmungs- und Divergenzmustern der Programm-Analyse errechnet. Die Farbe je Themenfeld folgt ebenfalls einer festen Regel: Rot ab zwei Gegensätzen (oder wenn Gegensätze die Einigkeit überwiegen), Ocker bei einem Gegensatz oder einem Überhang verschiedener Ansätze, sonst Grün; der kleine Balken zeigt die Zusammensetzung im Einzelnen. Die kurzen Feldtexte fassen dieses Material redaktionell zusammen, ausschließlich aus den belegten Einzelbefunden.
Die Fragen des Tages. Täglich sichten wir die Berliner Tagespresse — als Radar dafür, welche Themen die Debatte um die Koalitionsbildung gerade prägen. Die Presse gibt den Anlass, die Antworten kommen aus den Wahlprogrammen: Beantwortet werden die drei Tagesfragen in einem Dossier je Frage — mit den Positionen aller fünf Parteien (Gleichbehandlung gilt unverändert), wörtlichen Programm-Belegen und einem knappen Blick darauf, was der Befund für die beiden möglichen Bündnisse bedeutet.
Aktuell in der Debatte. Auf den Koalitionsseiten sammeln wir je Themenfeld die Fragen, die seit dem 18. August 2026 — dem Beginn der heißen Wahlkampfphase — öffentlich diskutiert wurden, und halten fest, wie die Programme zu ihnen stehen: Sie beantworten die Frage direkt, nur am Rand, auf einer anderen Achse — oder gar nicht. Gerade die letzten beiden Befunde sind uns wichtig: Oft fragt die Öffentlichkeit etwas, worauf die Programme keine Antwort geben — das können wir nachweisen, weil wir alle Programme vollständig erfasst haben. Fragen, die bislang nur in einem Medium oder an einem einzigen Tag auftauchten, sind entsprechend gekennzeichnet; abgeflaute Fragen bleiben datiert stehen, sodass eine Chronik der Debatte entsteht. Debattenfragen werden dabei auf ihren Sachkern gebracht: Eine ironische Schlagzeilenfrage (»Ist der Lehrkräftemangel wirklich fast behoben?«) stellt in Wahrheit eine Sachfrage — wie er behoben werden soll —, und an dieser bemisst sich, ob die Programme antworten.
Der Verbindlichkeitsgrad. Programme sprechen in unterschiedlicher Festigkeit: »Wir werden« ist etwas anderes als »Wir wollen«, und »Wir prüfen« etwas anderes als »Für uns ist das Bedingung«. Bei gegensätzlichen Sachfragen — und auf jeder Sachfragen-Seite — zeigen wir deshalb, wie fest sich eine Partei im Wortlaut gebunden hat: Koalitionsbedingung (rote Linie, Bedingung für eine Regierungsbeteiligung), Festlegung (Zusage im Indikativ oder Futur: »wir werden«, »wir führen ein«, »lehnen wir ab«), Ziel (Absichts- und Forderungssprache: »wir wollen«, »setzen uns ein«, »fordern«, »soll«, »muss«), Prüfauftrag (»prüfen«, »erproben«, »Modellversuch«) oder ohne Verpflichtungsform (Zustandsbeschreibung, Begründung). Die Einstufung ist rein sprachlich und deterministisch: ein offengelegtes Wörterbuch von Satzformen; gilt ein Zitat in mehreren Sätzen, zählt die festeste Form. Sie misst die Form der Zusage: Ein »wir werden« zu einer Kleinigkeit ist formal verbindlicher als ein »wir wollen« zum Kernprojekt. Deshalb steht die Stufe immer neben dem Wortlaut.
Was die Parteien seit der Wahl sagen. Seit dem Wahlabend sammeln wir die öffentlichen Äußerungen der fünf Parteien zur Regierungsbildung — Pressemitteilungen, Beschlüsse, Reden, Interviews — und lesen jede gegen das Wahlprogramm derselben Partei: deckt sie sich mit dem Programm, konkretisiert sie es, weicht sie davon ab, oder betrifft sie etwas, wozu das Programm schweigt? Zwei Ebenen bleiben stets unterschieden: Was eine Partei selbst veröffentlicht, ist Primärquelle; was ein Medium als Zitat überliefert, ist als »berichtet« mit Medium und Datum gekennzeichnet. Jede Quelle wird abgerufen, der Wortlaut im Seitentext gesucht und ein Auszug archiviert — nur so gegengeprüfte Zitate erscheinen auf der Website. Gezeigt werden Äußerungen, die Bezug und Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen haben; die Äußerungen der AfD, die an der Regierungsbildung nicht beteiligt ist, führen wir im Archiv. Als »Aktuell« zeigt die Startseite für 24 Stunden die Äußerungen, die eine Koalitionsbedingung, einen Beschluss oder eine Abweichung vom Programm enthalten.
Die Debatten um die Regierungsbildung. Wer Berlin regiert, entscheidet sich am Verhandlungstisch — verhandelt wird die Frage aber auch in der Öffentlichkeit: in Forderungen von außen, in Kommentaren, Schlagzeilen und Analysen. Diese Debatten begleiten wir auf zwei Ebenen. Die erste ist eine Presseschau: Jeden Tag sichten wir, was zur Regierungsbildung gesagt und geschrieben wird, und nehmen die Beiträge, die eine Debatte prägen, mit Wortlaut und Quelle auf. Die zweite ist die Orientierung: Zu jeder Debatte schreiben wir einen Überblick, der die Leitfrage der Öffentlichkeit aufnimmt — etwa »Darf die Linke Berlin regieren?« —, die Themen benennt, um die sie kreist, jedes Thema in einem eigenen Abschnitt ordnet und am Ende die Leitfrage beantwortet.
Bei jedem Beitrag fragen wir dreierlei: Was ist daran belegt? Wo springt die Aussage vom Einzelfall aufs Ganze — auf eine Partei, ihre »Regierungsfähigkeit«, die Stadt? Und was sagen Programm, Beschlusslage und Sachstand (Gesetze, amtliche Zahlen, Urteile) dazu? Wir wägen auch, wann ein Beitrag fiel und wer spricht: vor oder nach der Wahl, vor oder nach einem Vorfall, von jemandem, der über die künftige Regierung mitentscheidet, oder von außen. So wird sichtbar, wie sich eine Debatte verschiebt.
Wir sammeln nicht, wir wählen aus. Ein Beitrag steht im Überblick, wenn er ein neues Argument, eine neue Bedingung oder einen neuen Sachstand bringt, wenn seine Autorschaft Gewicht hat oder wenn er die Debatte zu einem bestimmten Zeitpunkt prägt. Stimmen, die dasselbe sagen, stehen nur dann nebeneinander, wenn schon ihre Häufung etwas über die Debatte aussagt. In mehreren Debatten erscheint ein Beitrag, wenn er in jeder eine eigene Wirkung entfaltet.
Parteien messen wir an dem, was sie sich nachprüfbar selbst vorgeben — Programm, Beschlüsse, erklärte Ziele — und daran, ob sie es durchsetzen. Beiträge messen wir am selben Kriterium wie die Programme: ob eine Aussage Deutungen verengt, ohne ihre Auswahl offenzulegen. Wir beschreiben, was ein Beitrag bewirkt: welche Deutung er nahelegt und welche Möglichkeit er ausblendet. Absichten stehen im Text nur als Zitat einer benannten Stimme, und neben jeder Unterstellung steht der belegte Stand. Reagiert ein Akteur auf vergleichbare Lagen erkennbar unterschiedlich, stellen wir beide Reaktionen belegt nebeneinander (Maßstabsprobe).
Auf der Grundlage dieses Quellenmaterials entwickeln wir für jeden Überblick eine redaktionelle Einschätzung. Sie geht über die gesammelten Zitate hinaus, bringt alle uns bekannten Facetten der Debatte in einen verständlichen Zusammenhang und sagt, wie wir sie gewichten. Die Überblicke sind lebende Texte: Wir suchen täglich weiter und überarbeiten einen Text, sobald sich die Debatte belegt verändert; das Datum der letzten Überarbeitung steht darunter. Die Methode gilt für alle: Auch die Linke, die derzeit am häufigsten Gegenstand der Debatte ist, wird an ihren eigenen Beiträgen gemessen. Medien erscheinen in drei Rollen: als Diskursbeitrag, als Überbringer von Zitaten und — namentlich zitiert — mit eigenen Analysen.
Wie sich die Positionen entwickelt haben. Für 30 besonders umstrittene Sachfragen vergleichen wir das Programm 2026 mit den früheren Wahlprogrammen der fünf Parteien (2016, 2021, 2023), ihren Parteitagsbeschlüssen seit 2021 und den Koalitionsverträgen, an denen sie beteiligt waren. Jede frühere Stelle wird wörtlich zitiert und maschinell gegen den Dokumenttext geprüft; es bleiben nur Stellen, die dort Wort für Wort stehen, und nur Befunde, die sich auf sie stützen. Das Etikett (Linie gehalten, Position verändert, uneinheitlich, neu, weggefallen) fasst zusammen, was die Zitate zeigen; Koalitionsverträge sind als gemeinsame Festlegungen gekennzeichnet. Der Vergleich zeigt, was sich geändert hat. Dazu kommen die Parlamentsprotokolle der Wahlperiode 2021–2026, aus denen wir Anträge und das Abstimmungsverhalten der Fraktionen deterministisch auslesen.
Der Umschaltmoment. Sobald die Parteien den Beginn konkreter Koalitionsverhandlungen beschließen, stellt der Wahlkompass auf dieses eine Bündnis um — auf Grundlage der Beschlüsse der Parteien. Der Programmvergleich des zweiten rechnerisch möglichen Bündnisses bleibt als Dokumentation erreichbar: Man kann nachlesen, worin sich die Alternative programmatisch unterschieden hätte. Veröffentlichen die Parteien ihre Verhandlungsstruktur, zeigt ein Fahrplan je Arbeitsgruppe, welche Themenfelder dort liegen und wie weit die drei Programme darin übereinstimmen. Die Gleichbehandlung reicht über die Koalitionsgrenze hinaus: Jedes Themenfeld verweist auf die Programme der übrigen Parteien.
Der Koalitionsvertrag. Liegt der Vertrag vor, lesen wir ihn Abschnitt für Abschnitt gegen die drei Programme: Welche Programmposition findet sich wieder, welche nur in Teilen, welche gar nicht — und, in umgekehrter Richtung, wozu der Vertrag schweigt, obwohl die Programme es zugesagt hatten. Je Partei entsteht daraus eine Sicht »Was aus dem Programm im Vertrag steht«. Der Vertrag ist dabei ein Primärdokument der Parteien und wird wie ein Programm wörtlich zitiert; die Regeln stehen fest, bevor der Text existiert.
Wie die Qualität gesichert wird
Die täglichen Dossiers und Feldtexte entstehen mit maschineller Unterstützung (KI) — nach denselben Regeln wie die Programm-Analyse: Sie dürfen ausschließlich aus dem belegten Material schöpfen. Automatische Prüfschritte stellen bei jedem Erstellen sicher, dass jede verlinkte Belegstelle im erfassten Programmbestand existiert, alle fünf Parteien behandelt werden und jede Partei-Zuschreibung eine Grundlage hat; eine unabhängige maschinelle Gegenprüfung kontrolliert Zahlen, Zitate und Vollständigkeit, und die Texte unterliegen laufender redaktioneller Stichprobe. Was Zweifel lässt, wird gestrichen.