Wahlkompass Berlin

Wie wollen die Parteien Wohnungslosigkeit in Berlin verringern?

Eine Frage aus der öffentlichen Debatte um die Koalitionsverhandlungen (Stand 11. Oktober 2026). Wir beantworten sie dokumentarisch aus den Wahlprogrammen — jede Aussage führt auf die belegten Sachfragen des Wahlkompass zurück.

Im Oktober beginnt in Berlin die Kältehilfe, die bis April Hilfsangebote für wohnungslose Menschen bereithält. Die Frage nach der Wohnungslosigkeit hat zwei Seiten. Die eine ist die akute Hilfe: Notunterkünfte, Anlaufstellen, Beratung, Straßensozialarbeit, kurz alles, was Menschen ohne Wohnung durch den Tag und die Nacht bringt. Die andere ist die Vorbeugung, nämlich dass es gar nicht erst so weit kommt, etwa durch Schuldnerberatung oder schnellere Hilfe bei Mietschulden, und dass wohnungslose Menschen wieder eine eigene Wohnung bekommen. Dafür steht der Fachbegriff Housing First: Zuerst kommt die Wohnung, ohne Vorbedingungen, die weitere Hilfe folgt danach. Und die Programme? Vier von fünf nennen Housing First, die AfD kündigt dagegen nur eine »Umgestaltung« der Obdachlosenhilfe an.

Die Grundlage im Wahlkompass

Die Positionen der Parteien

CDU

Die CDU will Wohnungslosigkeit verhindern, bevor sie entsteht. Dafür sollen Schuldner- und Sozialberatungen ausgebaut und die Entscheidungszeiten der Behörden bei der Übernahme von Mietschulden verkürzt werden. Housing First nennt sie nur zurückhaltend: Es »kann ein Ansatz sein«. Für die akute Hilfe plant sie ein »Haus der Hilfe« als zentrale Anlaufstelle für Obdachlose und will das erfolgreiche Neuköllner Projekt der Safe Places in ein Landesprogramm überführen. Evas Obdach, Berlins größte ganzjährige Notübernachtung für wohnungslose Frauen, soll gesichert, für Frauen, die auf der Straße besonderen Gefahren ausgesetzt sind, sollen gezielt mehr Angebote geschaffen werden.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗

SPD

Die SPD hält am Ziel fest, Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden. Dafür gründet sie ein SozialWohnWerk, das obdachlosen Menschen Wohnungen verschaffen soll, auch durch die Umnutzung leerstehender Bürogebäude; das Ziel sind 2.500 Wohnungen. Sie verfolgt den Ansatz Housing First und sagt dazu, jeder Mensch habe ein Recht auf eine eigene Wohnung. Für die akute Hilfe baut sie die Kälte- und Hitzehilfe gezielt aus und schafft neben Notunterkünften Tagesstätten. Beratungs- und Versorgungsangebote, von psychosozialer Beratung über Suchtberatung bis zu Clearingstellen, sollen verstetigt werden. Die Unterbringung soll nach Hamburger Vorbild ein zentraler landeseigener Akteur steuern.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗ Beleg 6 ↗

Bündnis 90/Die Grünen

Die Grünen setzen auf die Wohnung zuerst, ohne Vorbedingungen. Mit dem Programm Housing First sollen wohnungslose Menschen unmittelbar Zugang zu eigenem Wohnraum bekommen, und ein klarer Aktionsplan gegen Straßenobdachlosigkeit soll den Weg in ein selbstbestimmtes Leben ebnen. Für die akute Hilfe sieht das Programm drei Bausteine vor: ein Landesamt für Unterbringung, das die Unterbringung koordiniert und aktiv Wohnangebote entwickelt, ein »Haus der Hilfe« als zentrale Anlaufstelle und eine ganzjährige Kältehilfe rund um die Uhr. Der Zugang zu Unterkünften soll erleichtert werden, besonders für EU-Bürgerinnen und -Bürger ohne Leistungsanspruch.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗

Die Linke

Die Linke macht Housing First zum Leitmotiv: zuerst eine Wohnung. Das Prinzip sei unter linker Mitregierung eingeführt worden und habe sich als wirksam erwiesen. Dazu nennt sie Zahlen: Jedes Jahr sollen rund 17.000 Wohnungen bezahlbar vermietet werden, und Räumungen in die Wohnungslosigkeit lehnt sie ab. Für die akute Hilfe will sie die aufsuchende Straßensozialarbeit ausbauen, um auch schwer erreichbare Menschen anzusprechen, die Kältehilfe von Oktober bis April absichern und zur »Kältehilfe plus« mit Beratung und professioneller Begleitung weiterentwickeln und zwei Versorgungszentren finanzieren, in denen speziell geschultes ärztliches, pflegerisches und therapeutisches Personal sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter arbeiten.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗ Beleg 6 ↗ Beleg 7 ↗

AfD

Die AfD kündigt eine Umgestaltung an, nennt aber kein Instrument. Im Programm steht der Satz von einer »gezielten Umgestaltung der Obdachlosenhilfe« mit dem Fokus auf wirksame Hilfe statt dauerhafter Verwaltung von Perspektivlosigkeit. Wie Wohnungslosigkeit verhindert werden soll, etwa durch Housing First oder Hilfe bei Mietschulden, bleibt offen. Auch zu Notunterkünften, Kälte- und Hitzehilfe oder aufsuchender Straßensozialarbeit sagt das Programm nichts; die Aussagen zum Wohnen betreffen ausschließlich den regulären Wohnungsmarkt.

Im Programm: Beleg 1 ↗

Was heißt das für die Koalitionsgespräche?

Linke + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: In der Grundrichtung sind sich die drei einig: Alle bekennen sich zu Housing First, und alle bauen die akute Hilfe aus, die SPD mit Kälte- und Hitzehilfe, die Grünen mit einer ganzjährigen Kältehilfe rund um die Uhr, die Linke mit einer »Kältehilfe plus«. Auch beim Zuschnitt der Verwaltung gibt es Nähe: SPD und Grüne wollen die Unterbringung in einer landeseigenen Stelle bündeln.

Knackpunkte: Unterschiede liegen in den Zielmarken und Zusatzinstrumenten. Die SPD nennt ein Datum, 2030, und eine Zahl, 2.500 Wohnungen über ein SozialWohnWerk. Die Linke legt sich auf jährlich rund 17.000 bezahlbar vermietete Wohnungen und das Nein zu Räumungen in die Wohnungslosigkeit fest und finanziert zwei Versorgungszentren. Die Grünen setzen einen Aktionsplan gegen Straßenobdachlosigkeit dagegen und wollen den Zugang zu Unterkünften erleichtern, auch für EU-Bürgerinnen und -Bürger ohne Leistungsanspruch. Der Unterschied liegt zwischen Zielmarke, Quote und Aktionsplan.

CDU + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Gemeinsam ist den dreien die Absicht, die Hilfe für wohnungslose Menschen auszubauen, und gemeinsam ist SPD und Grünen das Bekenntnis zu Housing First, das auch die CDU als möglichen Ansatz nennt. CDU und Grüne wollen beide ein »Haus der Hilfe« als zentrale Anlaufstelle, SPD und Grüne bauen die Kältehilfe aus.

Knackpunkte: Beim Grundinstrument liegen Zusage und Vorbehalt auseinander: SPD und Grüne bekennen sich zu Housing First, die CDU sagt, es könne ein Ansatz sein, und setzt ihren Schwerpunkt auf Vorbeugung durch Schuldnerberatung und schnellere Mietschuldenübernahmen. Nur die SPD nennt ein Wohnungsziel mit Zahl und Datum, nur die CDU sichert eine bestimmte Einrichtung, Evas Obdach, ausdrücklich ab. Zwischen dem Recht auf eine eigene Wohnung und dem Ansatz, der gelingen kann, verläuft die Linie.

Redaktionell verdichtet aus den verlinkten Sachfragen und Programm-Belegen (Vorgehensweise).