Wahlkompass Berlin

Wie wollen die Parteien Stadtteilzentren, Nachbarschaftstreffs und Jugendclubs sichern?

Eine Frage aus der öffentlichen Debatte um die Koalitionsverhandlungen (Stand 5. Oktober 2026). Wir beantworten sie dokumentarisch aus den Wahlprogrammen — jede Aussage führt auf die belegten Sachfragen des Wahlkompass zurück.

Rund sieben Milliarden Euro muss Berlin in den kommenden beiden Jahren im Landeshaushalt einsparen. Die Linke hat auf ihrem Parteitag Ende September beschlossen, weitere Kürzungen bei der sozialen Infrastruktur und der Kultur nicht mitzutragen. Soziale Infrastruktur im Kiez, das sind die Orte, an denen sich eine Nachbarschaft trifft: das Stadtteilzentrum mit Beratung und Café, das Mehrgenerationenhaus, der Jugendclub um die Ecke, die Sozialarbeiterin, die selbst zu den Menschen geht. Solche Angebote braucht nicht jeder, aber viele, und sie hängen an öffentlichem Geld. Und die Programme? Sie reichen von bezifferten Kiezkantinen bis zum völligen Schweigen.

Die Grundlage im Wahlkompass

Die Positionen der Parteien

CDU

Die CDU verspricht Bestand und bessere Planung — ohne Zahlen. Sie will die »soziale Infrastruktur in unserer Stadt ganzheitlicher planen und besser miteinander verzahnen«, von der Obdachlosen- und Suchthilfe bis zu Angeboten für ältere Menschen, und den »Fortbestand sozialer Angebote langfristig absichern«. Bei der Jugendarbeit wird sie konkreter: Jugendfreizeiteinrichtungen will sie »weiter ausbauen und sie konsequent modernisieren«, auch mit zeitgemäßer digitaler Ausstattung. Stadtteilzentren, Nachbarschaftstreffs oder Mehrgenerationenhäuser nennt das Programm nicht. Wie viel Geld es für all das geben soll, sagt es nicht.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

SPD

Die SPD setzt auf Orte zum Mitmachen. Sie will Orte stärken, »an denen Menschen nicht nur Angebote erhalten, sondern selbst machen – wie Stadtteilzentren, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftsprojekte«. Für junge Menschen kündigt sie den »Ausbau der Kinder- und Jugendfreizeitangebote« an und eine Jugendstrategie, die sie »gemeinsam mit jungen Menschen erarbeiten« und deren Ergebnisse sie »konsequent umsetzen« will. Die SPD benennt damit die Einrichtungen, um die es geht, genauer als die meisten anderen Programme. Eine Summe, eine Zahl neuer Einrichtungen oder eine Finanzierungszusage nennt sie nicht.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗

Bündnis 90/Die Grünen

Die Grünen wollen den Bezirken eigenes Geld geben. Für »besonders belastete Nachbarschaften« sollen die Bezirke »Flexibudgets« erhalten — Mittel, über deren Einsatz sie vor Ort entscheiden. Wem der Weg ins Nachbarschaftszentrum »zu hochschwellig« ist, den soll mobile Stadtteilarbeit erreichen, und die gemeinnützigen sozialen Träger wollen die Grünen »besser vernetzen und unterstützen«. Bei der Jugendarbeit versprechen sie, »die Angebote für Kinder und Jugendliche zu sichern und organisierte rechte Kader aus Jugendclubs rauszuhalten«. Wie groß die Flexibudgets sein sollen, sagt das Programm nicht.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗

Die Linke

Die Linke wird am konkretesten — auch beim Geld. Sie plant Stadtteilsorgezentren: Anlaufstellen mit Angeboten für Obdachlose und Menschen ohne Krankenversicherung, mit Kinder- und Jugendclubs, mit Hilfen für Alleinerziehende, Senioren und pflegende Angehörige, dazu »Kiezkantinen und Cafés mit günstigen Preisen«. Die Summe steht dabei: »Den Aufbau und Betrieb von insgesamt 20 Kiezkantinen wollen wir mit jährlich 10 Millionen Euro finanzieren.« Die aufsuchende Stadtteilarbeit, »die der schwarz-rote Senat abgewickelt hat«, will sie weiterführen, und in jedem Bezirk soll es mindestens einen selbstverwalteten Jugendort geben.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗

AfD

Die AfD schweigt zu Stadtteilzentren, Nachbarschaftstreffs und Mehrgenerationenhäusern. Zur offenen Jugendarbeit steht im Programm ein einziger Satz, und er gilt nicht dem Ausbau, sondern der Ausrichtung: »Jugendzentren, die von Linksradikalen okkupiert wurden, brauchen einen konzeptionellen Neuanfang.« Wie viele Jugendclubs es geben soll, wie sie ausgestattet und bezahlt werden, dazu sagt das Programm nichts. Auch zur aufsuchenden Arbeit im Kiez schweigt es.

Im Programm: Beleg 1 ↗

Was die Parteien seit der Wahl dazu gesagt haben

Linke · Landesparteitag der Linken Berlin (Sondierungsbeschluss) · Beschluss · 25. September 2026

»Als Linke werden wir keine weiteren Kürzungen bei der sozialen Infrastruktur und Kultur mittragen«

konkretisiert das Programm: Das Programm will die vom schwarz-roten Senat »abgewickelte« aufsuchende Stadtteilarbeit weiterführen und den Kulturanteil am Haushalt auf 2,5, später 3 Prozent anheben; eine ausdrückliche Absage an Kürzungen als Verhandlungsbedingung formuliert erst der Beschluss. Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Quelle: Drei Parteien, vier Themen: Das sind die Knackpunkte für die Berliner Sondierungen (berichtet von Tagesspiegel, 26. September 2026)

Zum Archiv der Äußerungen →

Was heißt das für die Koalitionsgespräche?

Linke + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Alle drei wollen die Treffpunkte im Kiez erhalten und ausbauen: die SPD Stadtteilzentren, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftsprojekte, die Grünen Flexibudgets für belastete Nachbarschaften, die Linke Stadtteilsorgezentren mit Kiezkantinen. Grüne und Linke setzen zudem auf Stadtteilarbeit, die zu den Menschen geht. Auch bei der Jugendarbeit ziehen die drei in dieselbe Richtung.

Knackpunkte: Der Unterschied liegt in der Verbindlichkeit. Nur die Linke nennt eine Summe — zehn Millionen Euro im Jahr für zwanzig Kiezkantinen — und ein Ausbauziel mit einem selbstverwalteten Jugendort in jedem Bezirk. SPD und Grüne nennen Instrumente, aber keine Beträge. Zwischen beziffertem Versprechen und offener Absicht liegt hier der Abstand.

CDU + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Gemeinsam ist den dreien der Wille, das Bestehende zu sichern und die Jugendarbeit zu stärken. Die CDU will den Fortbestand sozialer Angebote langfristig absichern und Jugendfreizeiteinrichtungen ausbauen, die SPD will Stadtteilzentren stärken und Jugendangebote ausbauen, die Grünen wollen die Angebote für Kinder und Jugendliche sichern.

Knackpunkte: Die Unterschiede liegen im Zuschnitt. Die Grünen wollen den Bezirken mit Flexibudgets eigenen Spielraum geben, die SPD setzt auf Orte zum Mitmachen, die CDU auf eine ganzheitlichere Planung der sozialen Infrastruktur insgesamt. Einzelne Einrichtungstypen im Kiez nennt nur die SPD, eine Summe keines der drei Programme. Hier trennt die Parteien weniger das Ziel als der Weg.

Redaktionell verdichtet aus den verlinkten Sachfragen und Programm-Belegen (Vorgehensweise).