Wahlkompass Berlin

Wie soll der Nahverkehr ausgebaut und bezahlt werden?

Eine Frage aus der öffentlichen Debatte um die Koalitionsverhandlungen (Stand 1. Oktober 2026). Wir beantworten sie dokumentarisch aus den Wahlprogrammen — jede Aussage führt auf die belegten Sachfragen des Wahlkompass zurück.

Über 27 Euro kostet das Berliner Sozialticket heute im Monat — für Menschen mit wenig Geld viel Geld. Niedrigere Preise für Bus und Bahn gehören zu den Vorhaben, mit denen die Linke die Wahl gewonnen hat; wie weit das Geld dafür reicht, ist mit den neuen Haushaltszahlen offener denn je. Beim Nahverkehr geht es aber um mehr als den Preis: Es geht auch darum, wie mehr Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen — Fachbegriff Verlagerungswirkung oder Modal Shift —, und ob dafür ein größeres Angebot reicht oder auch Einschränkungen fürs Auto nötig sind, etwa teurere oder knappere Parkplätze. Die Programme beantworten beide Fragen unterschiedlich ausführlich, und beim Sozialtarif reicht die Spanne von neun Euro bis zu gar keiner Aussage.

Die Grundlage im Wahlkompass

Die Positionen der Parteien

CDU

Die CDU setzt allein aufs Angebot. U-Bahn-Linien will sie verlängern — U2, U3, U6, U7, U8, U9 —, die Straßenbahn dort erweitern, wo sie neue Wohngebiete anbindet oder Querverbindungen schafft, unterstützt aber zugleich den BVG-Kurs »Stabilität vor Wachstum« statt eines schnellen Angebots-Sprungs. Zur Fahrpreisgestaltung oder einem Sozialtarif schweigt das Programm. Und bei der Kehrseite der Frage — weniger Vorteile fürs Auto — geht sie sogar den Gegenweg: Parkraumreduzierung und Durchfahrtsbeschränkungen lehnt sie ausdrücklich ab.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗

SPD

Die SPD koppelt Ausbau und Einschränkung. Flächendeckend mindestens einen Zehn-Minuten-Takt will sie anbieten — Innenstadt wie Außenbezirke — und gleichzeitig die Parkraumbewirtschaftung ausweiten: mehr Straßen kostenpflichtig, höhere Gebühren für Anwohnerparkausweise, die Einnahmen zweckgebunden für Bus, Bahn, Rad- und Fußverkehr. Beim Fahrpreis bleibt sie allgemeiner: Sie fordert, das bundesweite Deutschlandticket wieder auf 49 Euro zu senken — einen eigenen, zusätzlich vergünstigten Sozialtarif für einkommensschwache Haushalte beziffert sie dagegen nicht.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗

Bündnis 90/Die Grünen

Auch die Grünen verbinden beide Hebel: den Zehn-Minuten-Takt als Basisangebot ausweiten und zugleich die Abwärtsspirale aus sinkendem Angebot und zu geringen Investitionen durchbrechen, flankiert von höheren Preisen fürs Anwohnerparken. Beim Fahrpreis nennen sie konkrete Zielwerte: Das Berliner Sozialticket soll von über 27 Euro auf 9 Euro sinken, und auf Bundesebene setzen sie sich für ein dauerhaft neun Euro teures Ticket sowie ein einkommensabhängiges, ermäßigtes Deutschlandticket ein.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗

Die Linke

Die Linke geht am weitesten: Bis 2035 sollen mindestens 90 Prozent aller Wege in Berlin mit Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden, und dafür will sie Straßen großflächig zugunsten von Fuß- und Radverkehr umwidmen, um den Autoverkehr spürbar zu reduzieren. Bei den Preisen fordert sie, das Sozialticket auf 9 Euro zu senken und nach Hamburger Vorbild einen zusätzlichen Sozialrabatt einzuführen, der das Deutschlandticket für Berechtigte auf 19 Euro drückt; außerdem soll das kostenlose Schüler*innenticket erhalten bleiben und der Preisanstieg bei BVG und S-Bahn gestoppt werden.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗ Beleg 5 ↗

AfD

Die AfD setzt allein auf einen freiwilligen Umstieg durch ein attraktiveres ÖPNV-Angebot, ohne dies mit Einschränkungen für den Autoverkehr zu verbinden — an anderer Stelle ihres Programms will sie das Parkraummanagement sogar zurückfahren. Bei den Fahrpreisen geht es ihr vor allem um Pendlerinnen und Pendler aus Brandenburg, denen tarifliche Angebote den Umstieg schon vor der Stadtgrenze erleichtern sollen, sowie um schärfere Zugangsbeschränkungen für Menschen ohne gültigen Fahrschein; einen sozial gestaffelten Tarif für einkommensschwache Berlinerinnen und Berliner benennt das Programm nicht.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗

Was heißt das für die Koalitionsgespräche?

Linke + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: SPD, Grüne und Linke sind sich im Grundsatz einig: Nahverkehrsausbau allein reicht nicht — er muss mit einem Eingriff in die Rahmenbedingungen des Autoverkehrs verbunden werden, damit tatsächlich mehr Menschen umsteigen. Alle drei erhöhen dafür die Kosten oder verringern den Platz fürs parkende beziehungsweise fahrende Auto.

Knackpunkte: Wie weit dieser Eingriff geht, unterscheidet sich deutlich: Die Linke will Straßen großflächig dem Auto entziehen und legt sich auf eine bezifferte Verlagerungsquote fest, die Grünen erhöhen vor allem die Parkgebühren, und die SPD weitet die Parkraumbewirtschaftung aus, ohne ein Verlagerungsziel zu nennen. Beim Fahrpreis gehen Grüne und Linke mit einem eigenen, bezifferten Sozialtarif ins Detail — die Linke zusätzlich mit einem Sozialrabatt nach Hamburger Vorbild —, während die SPD nur eine allgemeine Preissenkung des Deutschlandtickets fordert, aber keinen gesonderten Sozialtarif beziffert. Der Unterschied liegt damit nicht im Ob, sondern im Wie weit.

CDU + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: CDU, SPD und Grüne wollen den Nahverkehr alle drei ausbauen — mit U-Bahn- und Straßenbahnprojekten (CDU) beziehungsweise einer Taktverdichtung (SPD, Grüne).

Knackpunkte: Der grundlegende Unterschied liegt beim Autoverkehr: SPD und Grüne verbinden ihren Ausbau ausdrücklich mit teureren oder knapperen Parkplätzen, die CDU lehnt eine Reduzierung von Parkraum und Durchfahrtsbeschränkungen dagegen ausdrücklich ab. Auch bei den Fahrpreisen bleibt sie stumm — die SPD fordert eine allgemeine Preissenkung, die Grünen einen konkreten Sozialtarif.

Redaktionell verdichtet aus den verlinkten Sachfragen und Programm-Belegen (Vorgehensweise).