Wahlkompass Berlin

Wie soll der Lehrkräftemangel an Berlins Schulen behoben werden?

Eine Frage aus der öffentlichen Debatte um die Koalitionsverhandlungen (Stand 29. September 2026). Wir beantworten sie dokumentarisch aus den Wahlprogrammen — jede Aussage führt auf die belegten Sachfragen des Wahlkompass zurück.

Eine Vertretungsstunde statt Mathematik, eine Klasse ohne feste Lehrkraft, ein Fach, das über Monate ausfällt — Unterrichtsausfall gehört für viele Berliner Familien zum Schulalltag. Dahinter steht ein Personalproblem, das sich mit den üblichen Mitteln nicht schnell lösen lässt, denn Lehrkräfte auszubilden dauert Jahre. Drei Stellschrauben hat die Landespolitik dafür in der Hand: die Anstellungsform, also die Frage der Verbeamtung mit ihren Gehalts- und Pensionsvorteilen; den Quereinstieg, also den Weg in den Schuldienst ohne klassisches Lehramtsstudium; und die Arbeitsbedingungen, vor allem die Zahl der Pflichtstunden und die Entlastung durch andere Berufsgruppen. Dazu kommt eine zweite Frage, die in Berlin untrennbar damit zusammenhängt: An welchen Schulen landet das knappe Personal — und was bedeutet das für Kinder aus ärmeren Familien? Und die Programme? Sie greifen zu ganz unterschiedlichen Stellschrauben, von der Verbeamtung als Kernversprechen bis zum ausdrücklichen Nein dazu.

Die Grundlage im Wahlkompass

Die Positionen der Parteien

CDU

Die CDU setzt auf den Beamtenstatus. Die Verbeamtung ist für sie der zentrale Baustein der Personalgewinnung; den Rückstau dabei erklärt sie für beendet. Daneben öffnet sie den Zugang über mehrere Modelle — Ein-Fach-Lehrer, Tandemlehrer und einen Flex-Master, also verkürzte oder spezialisierte Wege in den Schuldienst. Entlastung soll die multiprofessionelle Ausstattung der Schulen bringen, nach dem Prinzip »100 Prozent plus X«. Beim Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg bleibt sie beim Grundsatz, dass Bildungserfolg nicht von der Herkunft abhängen dürfe, und antwortet darauf mit individueller Förderung: gezielte Unterstützung für Kinder mit Lernrückständen, passende Angebote für leistungsstarke und begabte Schülerinnen und Schüler.

Im Programm: Beleg 1 ↗ Beleg 2 ↗ Beleg 3 ↗ Beleg 4 ↗

SPD

Die SPD setzt bei den Arbeitsbedingungen an. Die kürzlich erhöhte Unterrichtsverpflichtung — die Zahl der Pflichtstunden — will sie zurücknehmen und die zweite Phase der Ausbildung, das Referendariat, praxisnäher zuschneiden. Entlasten soll außerdem mehr nichtpädagogisches Personal: Verwaltungsleitungen, IT-Personal, Hausmeisterinnen und Hausmeister. Zur Verbeamtung und zu Quereinstiegsmodellen schweigt das Programm. Dafür beantwortet es die Verteilungsfrage ausdrücklich: Pädagoginnen und Pädagogen sollen nach sozialen Indikatoren auf die Schulen verteilt werden. Und ein Monitoring soll die Entwicklung sichtbar machen — von sprachlichen und mathematischen Grundkompetenzen über die soziale Entwicklung bis zu Abschlussquoten und Teilhabechancen.

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Bündnis 90/Die Grünen

Die Grünen bündeln die meisten Instrumente. Den Quereinstieg wollen sie erleichtern, im Ausland erworbene Abschlüsse schneller anerkennen und das Lehramt mit nur einem Fach wieder einführen; Einstellungskontingente sollen jeder Schule eine Mindestausstattung an qualifizierten Lehrkräften sichern. Die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung nehmen sie zurück. Zur Verbeamtung schweigt auch ihr Programm. Gegen die soziale Spaltung setzen sie zwei Hebel an: Privatschulen mit schlechter und sich nicht verbessernder sozialer Durchmischung sollen künftig weniger öffentliche Mittel erhalten, und die Zahl der Gemeinschaftsschulen — Schulen, die alle Kinder gemeinsam bis zum Abschluss unterrichten — soll sich verdoppeln.

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Die Linke

Die Linke sagt zur Pflichtverbeamtung Nein. Statt einer Rückkehr dorthin will sie die abgeschaffte Kompensation für jene Lehrkräfte wieder einführen, die sich gegen eine Verbeamtung entscheiden — einen finanziellen Ausgleich für den Statusnachteil. Bei der Ausbildung nennt sie als einzige Partei eine Zielzahl: 3.000 Lehramtsabsolventinnen und -absolventen im Jahr. Im Ausland erworbene Lehramtsabschlüsse sollen leichter anerkannt werden. Den Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg macht sie zum Ausgangspunkt: Bildung soll durchgängig gebührenfrei sein, von der Kita bis zur Hochschule, und Hausaufgaben will sie abbauen, weil sie soziale Ungleichheit direkt in ungleichen Schulerfolg übersetzten.

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AfD

Die AfD will den Mangel gesetzlich einhegen. Ein Unterrichtsgarantiegesetz und eine Lehrerausstattung von 110 Prozent sollen Ausfall verhindern; ein Stipendienprogramm soll Studienanfänger für Mangelfächer gewinnen, die sich im Gegenzug verpflichten, später in Berlin zu unterrichten. Die Ausbildung will sie umbauen: schrittweise auf ein einphasiges duales Studium, perspektivisch mit einer eigenen Pädagogischen Hochschule. An Brennpunktschulen soll statt einer Zulage eine Entlastung bei den Unterrichtsstunden treten. Zur Verbeamtung und zum Quereinstieg schweigt das Programm. Die Abhängigkeit des Schulerfolgs von der Herkunft benennt es nicht; es verlangt an Brennpunktschulen lediglich Maßnahmen, deren Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist.

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Was heißt das für die Koalitionsgespräche?

Linke + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Bei den Arbeitsbedingungen ziehen die drei in dieselbe Richtung. SPD und Grüne wollen beide die erhöhte Unterrichtsverpflichtung zurücknehmen, also die Zahl der Pflichtstunden wieder senken, und beide wollen den Zugang zum Schuldienst für international ausgebildete Lehrkräfte erleichtern — die Linke ebenso. Vor allem aber behandeln alle drei die Verteilungsfrage als eigenen politischen Gegenstand: Wo das knappe Personal hingeht und wie stark der Schulerfolg an der Herkunft hängt, beantworten sie mit Instrumenten — Verteilung nach Sozialindikatoren bei der SPD, mehr Gemeinschaftsschulen bei den Grünen, gebührenfreie Bildung bei der Linken.

Knackpunkte: Die Verbeamtung ist der eine offene Punkt. Die Linke lehnt eine Rückkehr zur Pflichtverbeamtung ab und will stattdessen ausgleichen, wer sich dagegen entscheidet; SPD und Grüne legen sich dazu nicht fest. Der zweite Unterschied betrifft die Privatschulen: Nur die Grünen wollen ihnen bei schlechter sozialer Durchmischung öffentliche Mittel kürzen, SPD und Linke sagen dazu nichts. Und nur die Linke beziffert ein Ausbildungsziel, während SPD und Grüne bei Verfahren und Entlastung bleiben. Weniger ein Richtungsstreit als die Frage, wie weit man sich festlegt.

CDU + Grüne + SPD

Übereinstimmungen: Der Quereinstieg verbindet CDU und Grüne: Beide wollen das Lehramt mit nur einem Fach und erleichterte Wege in den Schuldienst. Entlastung durch anderes Personal wollen alle drei — die CDU über die multiprofessionelle Ausstattung der Schulen, die SPD über Verwaltungsleitungen, IT-Personal und Hausmeisterdienste. Und im Ziel, dass der Schulerfolg nicht an der Herkunft der Familie hängen soll, sind sich die drei einig.

Knackpunkte: Beim Weg dorthin trennen sich CDU auf der einen, SPD und Grüne auf der anderen Seite. Die CDU macht die Verbeamtung zum zentralen Baustein; SPD und Grüne äußern sich dazu nicht, wollen dafür die Pflichtstunden wieder senken — wovon im CDU-Programm nichts steht. Beim sozialen Ausgleich setzt die CDU auf individuelle Förderung, für Schwache wie für Starke; SPD und Grüne setzen auf Umverteilung: Personal nach sozialen Indikatoren, weniger Geld für sozial schlecht durchmischte Privatschulen, doppelt so viele Gemeinschaftsschulen. Zwischen individueller Förderung und struktureller Umverteilung liegt hier der Unterschied.

Redaktionell verdichtet aus den verlinkten Sachfragen und Programm-Belegen (Vorgehensweise).