Wahlkompass Berlin

ThemenfelderMigration & Integration

Wie wollen die Parteien Geflüchtete während des Asylverfahrens unterbringen und versorgen?

Sachfrage: Unterbringung und Versorgung während des Asylverfahrens

Wie Geflüchtete während des Asylverfahrens untergebracht und versorgt werden — zentrale versus dezentrale Unterbringung, Gemeinschaftsunterkunft versus eigene Wohnung, Sach- versus Geldleistungen — ist eine verwaltungspraktische Weichenstellung mit belegten Auswirkungen auf Wohn- und Lebenszufriedenheit. Nach der IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter verfügten 51 % der Bewohner:innen von Gemeinschaftsunterkünften über keine eigene, abgeschlossene Wohneinheit; sie waren mit ihrer Wohnsituation durchgehend unzufriedener als Personen in Einzelunterbringung. Aufenthaltsstatus, Bundesland, Familiensituation, Deutschkenntnisse und Einkommen beeinflussen die Chance auf Einzel- statt Gemeinschaftsunterbringung. Programme unterscheiden sich darin, ob sie eher Konzentration und Steuerbarkeit oder Dezentralität und Normalität priorisieren; eine bundesweite amtliche Wirksamkeitsevaluation der jeweiligen Unterbringungsform auf Integrationserfolg steht aus.

Forschungsstand & Quellen

BAMF-Forschungszentrum, IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten, Kurzanalyse 11, »Die Wohnsituation Geflüchteter« (2020, Datenstand laufend fortgeschrieben).

Was die Parteien dazu sagen

CDU

substanziell

»... Asylbewerber und illegal Eingereiste sollen deshalb vom ersten Tag bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag in zentralen Einrichtungen untergebracht werden.« Beleg ↗
»Die Unterbringung von Geflüchteten in Sporthallen und anderen öffentlichen Einrichtungen lehnen wir ab.« Beleg ↗
»setzen wir auf eine geordnete und zentrale Unterbringung in leistungsfähigen Großunterkünften, die auch Angebote wie Beschulung und Betreuung umfassen« Beleg ↗

Eindeutige Positionierung für zentrale statt dezentrale Unterbringung während des Asylverfahrens, mit konkreter Ablehnung von Sporthallen-Nutzung und stattdessen Ausbau leistungsfähiger Großunterkünfte samt Beschulung/Betreuung.

SPD

substanziell

»Wir wollen stattdessen menschenwürdiges, dezentrales Wohnen. Hierbei müssen alle Bezirke einen gerechten Beitrag leisten.« Beleg ↗
»Danach bauen wir Gemeinschaftsunterkünfte schrittweise ab. Gleichzeitig bauen wir das Geflüchtetenwohnen aus.« Beleg ↗

Das Programm bezieht klar Position für dezentrale statt zentraler Unterbringung und benennt ein konkretes Instrument: schrittweiser Abbau von Gemeinschaftsunterkünften bei gleichzeitigem Ausbau dezentralen Wohnens, mit Verteilungsprinzip (gerechter Bezirksbeitrag).

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»geflüchtete Kinder und Jugendliche möglichst nicht in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden« Beleg ↗
»Menschen erhalten Schutz, Wohnraum, Beratung … diskriminierungsfrei, kultursensibel und mehrsprachig« Beleg ↗
»damit geflüchtete Menschen von Beginn an angemessen versorgt und untergebracht werden können« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich gegen Gemeinschaftsunterbringung jedenfalls für Kinder/Jugendliche, fordert allgemein Wohnraum statt bloßer Versorgung und benennt mit der LAF-Stärkung ein institutionelles Instrument für angemessene Unterbringung — die Präferenz für Dezentralität/Normalität wird erkennbar, ohne quantitative Zielgröße.

Die Linke

substanziell

»Inhumane Massenunterkünfte […] wie die Unterkunft in Tegel, müssen aufgelöst werden und die Menschen besser untergebracht werden bzw. Zugang zu Wohnungen erhalten.« Beleg ↗
»Über ein soziales Unterbringungsgesetz sollen zukünftig gesetzliche Mindeststandards für Geflüchteten- und ASOG-Unterkünfte abgesichert und regelmäßig kontrolliert werden« Beleg ↗
»Unterkünfte mit Apartmentstruktur vor anderen Unterbringungsformen Vorrang haben« Beleg ↗
»Die Verpflichtung, während des Asylverfahrens in einer Unterkunft zu leben, heben wir auf.« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich klar für dezentrale, wohnungsnahe Einzelunterbringung statt Massenunterkünfte und benennt konkrete Instrumente: soziales Unterbringungsgesetz mit Mindeststandards (verbunden mit einem neuen gemeinwohlorientierten Landesbetrieb statt profitorientierter Privatbetreiber), Vorrang für Apartmentstruktur, Aufhebung der Wohnverpflichtung während des Asylverfahrens. Damit sind Grundsatzfrage und Ausgestaltung substanziell beantwortet.

AfD

substanziell

»umfängliche Sozialprogramme, großzügige Geld- statt Sachleistungen und fehlende Abschiebungen machen Berlin zum starken Magneten für Migration« Beleg ↗
»Der Bau neuer MUF für Asylbewerber ist kontraproduktiv, da er die Ghettoisierung fördert und Wohnraumressourcen bindet« Beleg ↗
»Die Umstellung auf reine Sachleistungen« Beleg ↗
»Auch die bevorzugte Wohnraumvergabe an Asylbewerber muss beendet werden« Beleg ↗
»Kein Neubau von MUF und Umwidmung bestehender MUF zu Wohnungen für alle Berliner« Beleg ↗
»Die zentrale Unterbringung von abgelehnten Asylbewerbern und Personen mit geringen Anerkennungschancen« Beleg ↗

Das Programm bezieht Position sowohl zur Sach-/Geldleistungsfrage (Umstellung auf reine Sachleistungen) als auch zur Unterbringungsform: Es lehnt weiteren MUF-Neubau ab (Ghettoisierungs-Argument, Wohnraumkonkurrenz) und will bestehende MUF zu regulärer Wohnnutzung umwidmen, verlangt aber zugleich zentrale statt dezentrale Unterbringung speziell für abgelehnte Asylbewerber. Die Weichenstellung ist mit konkreten Instrumenten benannt, intern jedoch nicht auf ein einheitliches Unterbringungsmodell verdichtet.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei der Unterbringung während des Asylverfahrens trennt die Parteien der grundsätzliche Systemzuschnitt: zentral oder dezentral. Die CDU setzt konsequent auf zentrale Unterbringung in leistungsfähigen Großunterkünften mit angeschlossener Beschulung und Betreuung und lehnt die Nutzung von Sporthallen ab. SPD und Linke wollen umgekehrt dezentrales, wohnungsnahes Wohnen ausbauen und Gemeinschaftsunterkünfte abbauen — die SPD über einen schrittweisen Abbau bei gleichzeitigem Ausbau des Geflüchtetenwohnens, die Linke am weitestgehenden mit gesetzlichen Mindeststandards und der Aufhebung der Wohnverpflichtung während des Asylverfahrens. Die Grünen positionieren sich in dieselbe Richtung, aber enger gefasst: Sie fordern, Gemeinschaftsunterkünfte jedenfalls für Kinder und Jugendliche zu vermeiden, und allgemein Wohnraum statt bloßer Versorgung, ohne einen generellen Abbau von Gemeinschaftsunterkünften zu benennen. Die AfD positioniert sich uneinheitlich: Sie lehnt neuen Unterkunftsbau ab und will bestehende Einrichtungen zu regulärem Wohnraum umwidmen, verlangt zugleich aber zentrale Unterbringung speziell für abgelehnte Asylbewerber und Personen mit geringen Anerkennungschancen sowie eine Umstellung auf Sachleistungen. Damit koppelt die AfD als einzige Partei die Unterbringungsfrage an eine Differenzierung nach Bleibeperspektive statt an ein einheitliches Modell.

Muster der Positionen: Eine Partei gegen die übrigen

Zentrale Unterbringung in Großunterkünften
Dezentrales, wohnungsnahes Wohnen

Die Linke geht mit gesetzlichen Mindeststandards und der Aufhebung der Wohnverpflichtung beim dezentralen Wohnen am weitesten, die SPD folgt mit einem schrittweisen Abbau der Gemeinschaftsunterkünfte, während die Grünen ihre Forderung enger fassen und die CDU auf zentrale Großunterkünfte setzt. AfD: äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage — Damit koppelt die AfD als einzige Partei die Unterbringungsfrage an eine Differenzierung nach Bleibeperspektive statt an ein einheitliches Modell.Die AfD positioniert sich uneinheitlich (Ablehnung von Unterkunfts-Neubau bei gleichzeitiger Forderung nach zentraler Unterbringung speziell für abgelehnte Asylbewerber) und lässt sich keinem der beiden Pole eindeutig zuordnen; die Grünen teilen die Richtung von SPD/Linke, fassen die Forderung aber enger (vor allem für Kinder/Jugendliche, ohne generellen Abbau von Gemeinschaftsunterkünften zu benennen); die Linke geht mit gesetzlichen Mindeststandards und der Aufhebung der Wohnverpflichtung am weitesten.Reihenfolge nach Programmtext, keine Abstände.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei der Unterbringung während des Asylverfahrens trennt die Parteien der grundsätzliche Systemzuschnitt: zentral oder dezentral.«

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