Was wollen die Parteien gegen den Lehrkräftemangel tun? — Mit Verbeamtung, Quereinstieg oder besseren Arbeitsbedingungen?
Sachfrage: Instrumente gegen den Lehrkräftemangel: Gewinnung, Ausbildung, Arbeitsbedingungen
Mit welchen politischen Instrumenten dem Lehrkräftemangel begegnet werden soll — Verbeamtung vs. andere Anstellungsformen, Quereinstiegs- und Anerkennungsmodelle, Ausbau der Lehramtsausbildung, Arbeitszeit- und Arbeitsbedingungsreformen — ist in Berlin besonders zugespitzt, weil das Land als einziges Bundesland Lehrkräfte lange nicht verbeamtete und in hohem Maß auf Quereinstieg setzt. Eine Bertelsmann-Studie zu Berliner Grundschulen zeigt, dass der Quereinsteiger-Anteil zwischen den Schuljahren 2016/17 und 2017/18 von 4,3 % auf 6,5 % stieg und sich sozial ungleich verteilte: An Schulen mit hohem Armutsanteil ('Brennpunktschulen') lag der Anteil mit rund 10 % etwa doppelt so hoch wie an Schulen mit niedrigem Armutsanteil (5 %). Strittig ist, ob Quereinstieg eine gleichwertige oder eine Notlösung ist und wie Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Klassengröße) zur Gewinnung und zum Verbleib von Lehrkräften beitragen.
Forschungsstand & Quellen
Dirk Richter, Alexandra Marx, Dirk Zorn (Bertelsmann Stiftung), »Lehrkräfte im Quereinstieg: sozial ungleich verteilt?« (2018).
»Die Lehrerverbeamtung ist dafür ein zentraler Baustein. Wir haben den Verbeamtungsstau beendet... die Einführung des Ein-Fach-Lehrers, des Tandemlehrers und des Flex-Masters...« Beleg ↗
»Deshalb werden wir die multiprofessionelle Ausstattung der Schulen nach dem Prinzip ›100 Prozent plus X‹ stärken.« Beleg ↗
Das Programm positioniert sich klar für Verbeamtung als Kerninstrument, ergänzt um beschleunigte Einstellungsverfahren, mehrere Quereinstiegsmodelle (Ein-Fach-Lehrer, Tandemlehrer, Flex-Master) sowie eine gestärkte multiprofessionelle Ausstattung der Schulen zur Entlastung des Lehrpersonals. Die für Berlin zugespitzte Debatte um Verbeamtung vs. Quereinstieg wird damit substanziell mit Instrumenten beantwortet.
SPD
substanziell
Wortlaut: Festlegung
»nehmen wir daher die kürzlich erfolgte Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung zurück und sorgen für eine gute Mischung zwischen Praxis und Theorie in der zweiten Phase« Beleg ↗
»Nichtpädagogisches Personal bauen wir aus – Verwaltungsleitungen, IT-Personal und Hausmeister*innen.« Beleg ↗
Zur Gewinnung und zum Verbleib von Lehrkräften nennt das Programm der SPD Instrumente bei Arbeitsbedingungen und Ausbildung: die Rücknahme der zuletzt erhöhten Unterrichtsverpflichtung, eine praxisorientiertere zweite Ausbildungsphase und den Ausbau von nichtpädagogischem Personal wie Verwaltungsleitungen, IT-Personal und Hausmeister*innen zur Entlastung. Zu Verbeamtung im Vergleich zu anderen Anstellungsformen und zu Quereinstiegsmodellen äußert sich das Programm nicht ausdrücklich.
Bündnis 90/Die Grünen
substanziell
Wortlaut: Festlegung
»Lehrkräften mit internationalen Abschlüssen den Zugang zum Berliner Schuldienst erleichtern ... Lehrkraft mit einem Fach wieder einführen, das Anerkennungsverfahren vereinfachen.« Beleg ↗
»Einstellungskontingente in verbesserter Form wieder einführen und ... für eine Mindestausstattung an qualifizierten Lehrkräften an allen Schulen.« Beleg ↗
»Lehrkräfte entlasten, indem wir ihre Arbeitszeit systematisch erfassen und perspektivisch ein neues Arbeitszeitmodell entwickeln.« Beleg ↗
»Wir nehmen die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung zurück.« Beleg ↗
»Stipendium für Lehramtsstudierende, die sich verpflichten, an einer unterversorgten Schule zu arbeiten.« Beleg ↗
»Lehrkräfte ohne pädagogische und fachdidaktische Ausbildung ... so vorbereitet werden, dass sie die Unterrichtsaufgaben fachgerecht leisten können.« Beleg ↗
Das Programm nennt ein dichtes Bündel konkreter Instrumente gegen den Lehrkräftemangel: erleichterten Zugang für Quereinsteiger*innen und international qualifizierte Lehrkräfte samt Vorbereitung, Einstellungskontingente, Stipendien für unterversorgte Schulen sowie Arbeitszeit-/Arbeitsbedingungsreformen. Zur Verbeamtungsfrage findet sich keine explizite Aussage, das schmälert die Positionierung angesichts der übrigen, ausführlichen Instrumente aber nicht.
Die Linke
substanziell
Wortlaut: Ziel
»die von Schwarz-Rot abgeschaffte Kompensation für Lehrkräfte, die nicht verbeamtet werden wollen, wieder einführen« Beleg ↗
»Bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Lehramtsabschlüssen streben wir Erleichterungen an« Beleg ↗
»Wir streben eine Zielzahl von 3.000 Lehramtsabsolvent*innen jährlich an« Beleg ↗
Das Programm behandelt Gewinnung und Arbeitsbedingungen von Lehrkräften mit konkreten Instrumenten: eine Kompensation für Lehrkräfte, die sich gegen Verbeamtung entscheiden, statt Rückkehr zur Pflichtverbeamtung, erleichterte Anerkennung ausländischer Lehramtsabschlüsse und eine bezifferte Zielzahl für den Ausbau der Ausbildungskapazitäten. Gewinnung und Ausbildung sind damit mit erkennbarer Position und Instrument abgedeckt.
AfD
substanziell
Wortlaut: Festlegung
»Die AfD fordert ein Unterrichtsgarantiegesetz und eine Lehrerausstattung von 110 %.« Beleg ↗
»Angesichts des anhaltenden Lehrermangels halten wir an einer hohen Zahl an Lehramtsabsolventen als Zielmarke fest. Zur Stärkung der Lehrerausbildung in Mangelfächern fordern wir ein Stipendienprogramm für Studienanfänger, die sich zu einer späteren Lehrertätigkeit in Berlin verpflichten.« Beleg ↗
»die schrittweise Umstellung auf eine einphasige Lehrerausbildung in Form eines Dualen Studiums und perspektivisch die Gründung einer Pädagogischen Hochschule in Kooperation mit den Universitäten« Beleg ↗
»Statt einer Brennpunktzulage sollen Lehrer an Brennpunktschulen Entlastung beim Umfang der zu erbringenden Unterrichtsstunden erhalten.« Beleg ↗
Das Programm nennt mehrere Instrumente gegen den Lehrkräftemangel: Stipendien für Mangelfächer, eine reformierte (einphasige, duale) Lehrerausbildung samt geplanter Pädagogischer Hochschule sowie arbeitsbedingungsseitig ein Unterrichtsgarantiegesetz, höhere Lehrerausstattung und Stundenentlastung statt Zulage an Brennpunktschulen. Zu Verbeamtung vs. anderen Anstellungsformen und zu Quereinstiegs-/Anerkennungsmodellen findet sich dagegen keine Aussage.
Was die Unterschiede praktisch bedeuten
Einordnung der RedaktionGrundlage sind die oben belegten Antworten. Die Einordnung beschreibt, was die Parteien vorhaben. Mehr zur Methode
Bei den Instrumenten gegen den Lehrkräftemangel trennt die Parteien vor allem die Verbeamtungsfrage: Die CDU macht Verbeamtung zum zentralen Baustein und ergänzt mehrere Quereinstiegsmodelle, die Linke lehnt eine Rückkehr zur Pflichtverbeamtung ab und führt stattdessen eine Kompensation für nicht verbeamtete Lehrkräfte ein. SPD, Grüne und AfD treffen zur Verbeamtung keine Aussage und setzen stattdessen bei Arbeitsbedingungen und Ausbildung an: Die SPD nimmt die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung zurück und baut nichtpädagogisches Personal aus, die Grünen bündeln Arbeitszeitreform, erleichterten Quereinstieg und Einstellungskontingente, die AfD setzt auf ein Unterrichtsgarantiegesetz, höhere Lehrerausstattung und Stipendien für Mangelfächer. Alle fünf Parteien benennen Instrumente zur Personalgewinnung; die Verbeamtungsfrage bleibt jedoch nur bei zweien explizit entschieden.
Muster der Positionen: Verschiedene Ansätze
Die Programme weisen weder in eine gemeinsame noch in zwei entgegengesetzte Richtungen — sie setzen an verschiedenen Stellen an.
Alle fünf Parteien benennen Instrumente zur Personalgewinnung, aber nur CDU (Verbeamtung als zentraler Baustein) und Linke (Ablehnung der Pflichtverbeamtung, Kompensation) treffen zur Verbeamtungsfrage eine explizite Aussage; SPD, Grüne und AfD setzen stattdessen bei Arbeitsbedingungen und Ausbildung an, ohne sich zur Verbeamtung zu äußern.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.
Grundlage: »Bei den Instrumenten gegen den Lehrkräftemangel trennt die Parteien vor allem die Verbeamtungsfrage: Die CDU macht Verbeamtung zum zentralen Baustein und ergänzt mehrere Quereinstiegsmodelle, die Linke lehnt eine Rückkehr zur Pflichtverbeamtung ab und führt stattdessen eine Kompensation für nicht verbeamtete Lehrkräfte ein.«
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Frühere Wahlprogramme (2016, 2021, 2023), Parteitagsbeschlüsse seit 2021 und Koalitionsverträge im Vergleich mit dem Programm 2026 — jede frühere Stelle wörtlich und mit Fundort. Koalitionsverträge sind gemeinsame Festlegungen mehrerer Parteien. Alle Befunde im Überblick
CDULinie gehalten
Seit 2016 fordert die CDU die Rückkehr zur Lehrerverbeamtung, die sie 2023 im Koalitionsvertrag mit der SPD umsetzte und dort auch den Quereinstieg verstetigte; 2026 bleibt die Verbeamtung zentraler Baustein, ergänzt um mehrere Quereinstiegsmodelle wie den Ein-Fach-Lehrer.
2023 »Wir verstetigen den Quereinstieg und schaffen eine rechtssichere Grundlage für die Ausbildung. Wir prüfen den Quereinstieg von Ein-Fach-Lehrkräften in Mangelfächern.« — Koalitionsvertrag (gemeinsame Festlegung): Koalitionsvertrag 2023-2026 zwischen CDU Berlin und SPD Berlin, S. 40
SPDPosition verändert
2022 forderte ein Landesparteitag der SPD die rasche Rückkehr zur Verbeamtung von Lehrkräften mitsamt Ausgleich für Tarifangestellte; das Programm 2026 nennt gegen den Lehrkräftemangel stattdessen die Rücknahme der erhöhten Unterrichtsverpflichtung und mehr nichtpädagogisches Personal, ohne Verbeamtung zu erwähnen.
2022 »Wir fordern die sozialdemokratischen Mitglieder des Abgeordnetenhauses sowie des Senats auf, sich dafür einzusetzen, dem Parteitags-, Wahlprogramms-, Koalitionsvertragsbeschluss zum Berliner Optionsmodell vollständig umzusetzen. Dieses beinhaltet neben der möglichst schnellen Rückkehr zur Verbeamtung einen zwingenden zeitlichen Ausgleich für die verbleibenden Tarifangestellten.« — Parteitagsbeschluss: Verbeamtung? Ja, aber für Alle! (Optionsmodell Lehrkräfte), S. 1
GrüneLinie gehalten
Schon 2021 setzte die Partei auf erleichterten Zugang für Quereinsteiger*innen und weniger Unterrichtsstunden gegen den Lehrkräftemangel; 2026 hält sie an diesen Instrumenten fest und ergänzt sie um Einstellungskontingente und Stipendien.
Die Linke steht der Verbeamtung von Lehrkräften seit 2016 kritisch gegenüber; als der gemeinsame Koalitionsvertrag 2021 mit SPD und Grünen eine Verbeamtungsoption vorsah, machte ein eigener Parteitagsbeschluss diese von einer Kompensation für nicht verbeamtete Lehrkräfte abhängig — genau diese Kompensation findet sich 2026 wieder im Programm.
2016 »Lehrkräfte müssen nicht verbeamtet werden. Wir fordern eine tarifliche Regelung für die Einkommen der angestellten Lehrkräfte, um sie den Beamten gleichzustellen. Dabei muss gelten: Gleicher Lohn und gleiche Arbeitsbedingungen für gleiche Arbeit!« — Wahlprogramm: Unser Plan für ein soziales und ökologisches Berlin — Wahlprogramm zur Berliner Abgeordnet, S. 79
2021 »Die LINKE Berlin sieht die Verbeamtung von Lehrkräften weiterhin kritisch. Die entsprechende Passage im Koalitionsvertrag versteht sie als Wenn-Dann-Bedingung. Sollte ein Nachteilsausgleich in angemessenem Umfang und auf rechtssicherem Weg nicht für alle Lehrkräfte, die nicht verbeamtet werden können oder wollen, möglich sein, kann es keine Verbeamtung geben.« — Parteitagsbeschluss: Auch Bildungspolitik braucht eine linke Handschrift! (Beschluss 5/AO/8), S. 1
AfDPosition verändert
2021 setzte die AfD auf Verbeamtung und lehnte mehr Quereinstieg ab; 2026 fehlt eine Aussage zur Verbeamtung, stattdessen setzt das Programm auf Stipendien für Mangelfächer und eine reformierte Lehrerausbildung.
2021 »Was Berlins Schulen jetzt benötigen, ist eine Einstellungsoffensive für qualifizierte Fachlehrer statt immer mehr Quereinsteiger. Um diesem Ziel näher zu kommen und den Lehrerberuf zusätzlich aufzuwerten, treten wir für die Verbeamtung von Lehrern in Berlin ein.« — Wahlprogramm: »Berlin. Aber normal.« — Wahlprogramm der AfD Berlin zur Abgeordnetenhauswahl am 26. Septe, S. 18