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Was wollen die Parteien gegen den Fachkräftemangel tun? — Welche Ursachen benennen sie außer Zuwanderung?

Sachfrage: Strukturelle Ursachen des Fachkräftemangels jenseits der Zuwanderungsdebatte

Sachfrage ist, welche URSACHEN des Fachkräftemangels die Parteien benennen: demografischer Wandel (Verrentung der Babyboomer-Generation, sinkendes Erwerbspersonenpotenzial), unausgeschöpfte Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren sowie der Rückgang bei Ausbildungsverträgen. Der wissenschaftlich etablierte Ursachenkomplex gilt für Deutschland insgesamt und lässt sich auf den Berliner Arbeitsmarkt übertragen.

Forschungsstand & Quellen

Das IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) benennt den demografischen Wandel als zentralen Treiber: Von rund 35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland sind über 8 Millionen mindestens 55 Jahre alt und gehen in den kommenden zehn bis zwölf Jahren in Rente – ein historisch beispielloser Anteil an Altersabgängen (IAB, 'Demografischer Wandel und Arbeitskräftemangel', 2025). Eine ältere, aber weiterhin zitierte IAB-Berechnung (Fuchs u. a., IAB-Kurzbericht 25/2021) zeigt: Ohne Zuwanderung und ohne steigende Erwerbsbeteiligung würde das Arbeitskräfteangebot bis 2035 um über sieben Millionen Personen sinken. Das IAB benennt als zentrale Treiber des Fachkräftemangels in der Gesamtschau: demografischer Wandel, wachsende Qualifikationslücken, eingeschränkte Erwerbsbeteiligung bestimmter Gruppen (insbesondere Frauen und Ältere) und unzureichend genutzte Zuwanderung – mit der ausdrücklichen Einordnung, dass es sich NICHT allein um eine Zuwanderungsfrage handelt, sondern um ein Bündel von Stellhebeln (u. a. MINT-Förderung, schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse, höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren, gezielte Zuwanderung). Jährlich scheiden laut IAB bis zu 400.000 Personen altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt aus, sofern dies nicht durch Zuwanderung und höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen/Älteren kompensiert wird. Zur Erwerbsbeteiligung von Frauen: Die Teilzeitquote von Frauen liegt bei rund 50 Prozent (77 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten in Deutschland 2024 sind Frauen); das IAB und das IW Köln (KOFA-Studie 01/2026 'Engpassanalyse: Frauen als Schlüssel zur Fachkräftesicherung') beziffern hier ein erhebliches ungenutztes Arbeitszeitvolumen als Fachkräftereserve, weil die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen sich überwiegend über Teilzeit statt über Vollzeit vollzogen hat. Zur Rolle der Zuwanderung: Eine Studie von Alexander Kubis (IAB) und Lutz Schneider (Hochschule Coburg) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (26.11.2024) beziffert, dass die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland ohne zusätzliche Zuwanderung bis 2040 um 10 Prozent sinken würde (von 46,4 auf 41,9 Millionen), bis 2060 auf 35,1 Millionen. Um den Arbeitskräftebedarf zu decken, seien jährlich rund 288.000 internationale Arbeitskräfte bis 2040 nötig – die Studie betont zugleich, dass Zuwanderung allein nicht reicht, sondern eine 'ausgeprägte Willkommenskultur in Behörden, Unternehmen und Kommunen sowie längerfristige Bleibeperspektiven' brauche. Seit 2015 sind rund 40 Prozent des Beschäftigungswachstums in Deutschland auf Beschäftigte mit ausländischer Staatsangehörigkeit zurückzuführen; ihr Anteil an allen Beschäftigten stieg von 9,4 Prozent (2013) auf rund 16,1 Prozent (2024) (IAB-Forum). Zum Ausbildungsmarkt: Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge liegt laut IAB-Forum seit 2020 bundesweit unter einer halben Million jährlich und hat sich nach dem pandemiebedingten Einbruch nicht erholt – ein strukturelles Nachwuchsproblem, das parallel zum demografischen Rückgang der Zahl der Schulabgänger verläuft. Für Berlin speziell weist die Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen der Fachkräftestrategie 2035 aus, dass zwischen 2025 und 2035 mehr als 560.000 Arbeitsplätze in der Stadt neu besetzt werden müssen; zugleich pendeln bereits heute rund 480.000 Menschen nach Berlin ein, und rund 31 Prozent der Erwerbstätigen der Stadt stammen aus dem Ausland – ein Befund, der die für Ostdeutschland insgesamt beschriebene Zurückhaltung gegenüber ausländischen Fachkräften für die Hauptstadt gerade nicht bestätigt, sondern auf eine bereits vergleichsweise hohe Integration ausländischer Beschäftigter in den Berliner Arbeitsmarkt verweist.

Was die Parteien dazu sagen

CDU

fehlt

Die einzigen vorliegenden Fundstellen zur Ausbildungsförderung (Meisterausbildungsbonus, Ausbildungsplatzförderungsfonds) benennen keine Ursache des Fachkräftemangels, sondern beschreiben Instrumente zur Qualifizierung inländischer Potenziale – sie gehören zur Sachfrage »Fachkräftesicherung: Zuwanderung versus inländische Potenziale« und werden dorthin umgehängt. Die im Ursachenkomplex genannten Stellhebel (demografischer Wandel, Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren, Zuwanderung als Ergänzungsstrategie) kommen in keiner der vorliegenden Fundstellen vor.

SPD

teilweise

»Deshalb brauchen wir eine Offensive bei der Qualifizierung. Denn Digitalisierung, demografischer Wandel und klimagerechte Transformation verändern die Arbeitswelt.« Beleg ↗

Als Ursache jenseits der Zuwanderung nennt das Programm der SPD lediglich den demografischen Wandel, beiläufig als einen von drei Treibern neben Digitalisierung und klimagerechter Transformation, ohne dies weiter auszuführen – ein Bezug auf mehr Renteneintritte, ungenutzte Erwerbspotenziale oder rückläufige Ausbildungsverträge fehlt. Das Programm spricht die Frage damit an, beantwortet sie aber nicht ausführlich. Die übrigen Aussagen beschreiben Instrumente zur Aktivierung und Anwerbung von Fachkräften und gehören eher zur Nachbar-Sachfrage ›Wie wollen die Parteien fehlende Fachkräfte gewinnen? — Eher durch Zuwanderung oder durch mehr Menschen hier zu qualifizieren?‹.

Bündnis 90/Die Grünen

teilweise

»werden wir Bündnisgrüne eine Fachkräftestrategie für Berlin entwickeln, die insbesondere die Erwerbspotenziale von Frauen sowie von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte und mit Rassismuserfahrung stärkt« Beleg ↗
»solidarische Ausbildungsplatzumlage … gute Arbeitsbedingungen und faire Vergütung während der Ausbildung« Beleg ↗

Nur die unausgeschöpfte Erwerbsbeteiligung von Frauen wird als Ursache explizit benannt (Fachkräftestrategie); die Ausbildungsplatzumlage adressiert instrumentell den Rückgang bei Ausbildungsverträgen, ohne ihn als Ursache zu benennen. Demografischer Wandel und ungenutztes Potenzial Älterer bleiben unbenannt, die Qualifizierungsoffensive (0069) benennt keine Ursache, sondern ist eine allgemeine Weiterbildungsmaßnahme und gehört zur Sachfrage Zuwanderung versus inländische Potenziale.

Die Linke

fehlt

Die zunächst zugeordneten Aussagen – Anerkennung ausländischer Kammerabschlüsse, Qualifizierungsvereinbarungen, Weiterbildungs- und Ausbildungsverbünde, Ausbildungsumlage – benennen keine Ursachen des Fachkräftemangels, sondern Instrumente zur Qualifizierung und Aktivierung inländischer Potenziale; sie gehören zur Nachbar-Sachfrage ›Wie wollen die Parteien fehlende Fachkräfte gewinnen? — Eher durch Zuwanderung oder durch mehr Menschen hier zu qualifizieren?‹. Weder demografischer Wandel noch die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren noch der Rückgang von Ausbildungsverträgen werden als Ursache benannt.

AfD

nur erwähnt

»Nur so lassen sich die berufliche Bildung sichern, das Handwerk stärken und der Fachkräftemangel wirksam bekämpfen, statt die Unternehmen bürokratisch zu gängeln und mit Mehrkosten zu belasten.« Beleg ↗

Das Programm der AfD nennt zum Fachkräftemangel keine strukturellen Ursachen wie demografischen Wandel, ungenutzte Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren oder zurückgehende Ausbildungsverträge. Eine Stelle verknüpft Fachkräftemangel mit Handwerk und Ausbildung, benennt dabei aber nur eine Gegenmaßnahme, keine eigenständige Ursache jenseits der Zuwanderungsdebatte.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Die Sachfrage trennt sich danach, ob und welche strukturellen Ursachen des Fachkräftemangels jenseits der Zuwanderung benannt werden. Die Grünen benennen die unausgeschöpfte Erwerbsbeteiligung von Frauen explizit als Ursache und flankieren dies instrumentell mit einer solidarischen Ausbildungsplatzumlage gegen den Rückgang der Ausbildungsverträge. Die SPD nennt den demografischen Wandel nur beiläufig als einen von drei Treibern des Wandels der Arbeitswelt, ohne ihn auszuführen. Die AfD verknüpft Fachkräftemangel mit Handwerk und Ausbildung, ohne eine eigenständige Ursache jenseits der Zuwanderung zu benennen. Die Programme von CDU und Linke enthalten zu dieser Sachfrage keine Aussage; ihre vorliegenden Fundstellen betreffen ausschließlich Instrumente zur Qualifizierung inländischer Potenziale, nicht die Ursachenanalyse.

Muster der Positionen: Verschiedene Ansätze

Die Programme weisen weder in eine gemeinsame noch in zwei entgegengesetzte Richtungen — sie setzen an verschiedenen Stellen an.

Ohne Aussage: CDU, Linke, AfDPunkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Die Grünen benennen die unausgeschöpfte Erwerbsbeteiligung von Frauen explizit als Ursache und flankieren dies instrumentell mit einer solidarischen Ausbildungsplatzumlage gegen den Rückgang der Ausbildungsverträge. Die SPD nennt den demografischen Wandel nur beiläufig als einen von drei Treibern des Wandels der Arbeitswelt, ohne ihn auszuführen.«

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