Wahlkompass Berlin

ThemenfelderArbeit

Wie wollen die Parteien fehlende Fachkräfte gewinnen? — Eher durch Zuwanderung oder durch mehr Menschen hier zu qualifizieren?

Sachfrage: Fachkräftesicherung: Zuwanderung versus inländische Potenziale

Auf welchem Weg der Fachkräftebedarf primär gedeckt werden soll — durch gezielte Zuwanderung aus dem Ausland (insbesondere Drittstaaten) oder vorrangig durch Qualifizierung und Aktivierung bereits hier lebender Menschen, etwa Frauen, Ältere oder Menschen mit Migrationsgeschichte. IAB-Modellrechnungen zeigen, dass das deutsche Erwerbspersonenpotenzial ohne Zuwanderung von rund 47 Millionen (2018) bis 2060 auf unter 29 Millionen sinken würde; um das heutige Niveau zu halten, wäre eine jährliche Nettozuwanderung von mindestens rund 400.000 Personen nötig. Inländische Hebel wie höhere Frauenerwerbsbeteiligung oder Nachqualifizierung Geringqualifizierter erschließen laut IAB zusammen maximal rund 3,2 Millionen zusätzliche Erwerbspersonen — die Studie ordnet ihnen politischen Vorrang zu, hält sie angesichts des demografischen Wandels aber für nicht ausreichend.

Forschungsstand & Quellen

Fuchs/Kubis/Schneider, IAB, »Die deutsche Wirtschaft braucht künftig mehr Fachkräfte aus Drittstaaten« (IAB-Forum, 2018), basierend auf IAB-Modellrechnungen zum Erwerbspersonenpotenzial.

Was die Parteien dazu sagen

CDU

fehlt

Das Programm der CDU sagt nicht, ob fehlende Fachkräfte eher durch Zuwanderung oder durch mehr Qualifizierung im Inland gewonnen werden sollen. Die einzigen thematisch nahen Aussagen — Förderung der Meisterausbildung, Prüfung des Ausbildungsplatzförderungsfonds — sind allgemeine Ausbildungspolitik ohne Bezug zu dieser Frage.

SPD

substanziell

»Mit der Fachkräftestrategie unterstützt das Land Unternehmen dabei, ungenutzte Potenziale zu aktivieren – etwa bei Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und älteren Beschäftigten …« Beleg ↗
»Dabei bauen wir besonders den Business Immigration Service aus und verringern bürokratische Hürden, um internationale Fach- und Arbeitskräfte leichter anzuwerben.« Beleg ↗
»Wir stärken den beruflichen Wiedereinstieg nach Familien- oder Pflegezeiten, bauen Beratungs- und Qualifizierungsangebote insbesondere für Frauen aus« Beleg ↗

Die SPD setzt auf beide Wege: eine Fachkräftestrategie, die vorhandene Potenziale im Land aktiviert — etwa bei Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Älteren —, und den Ausbau des Business Immigration Service zur gezielten Anwerbung internationaler Fachkräfte. Ein Schwerpunkt zwischen beiden wird nicht gesetzt.

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»werden wir Bündnisgrüne eine Fachkräftestrategie für Berlin entwickeln, die insbesondere die Erwerbspotenziale von Frauen sowie von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte und mit Rassismuserfahrung stärkt.« Beleg ↗
»Gemeinsam mit Bund, Ländern, der Bundesagentur für Arbeit und den Gewerkschaften und Kammern wollen wir uns für geprüfte, faire und sichere Anwerbe- und Vermittlungspraktiken einsetzen.« Beleg ↗
»Darum setzen wir uns für eine Personaloffensive ein: mit gezielten Ausbildungs- und Weiterbildungsprogrammen, familienfreundlichen Schichtplänen, besserem Gesundheitsschutz und aktiver Fachkräftegewinnung.« Beleg ↗
»Wir setzen auf eine aktive Willkommens- und Integrationspolitik, die Anerkennungsverfahren vereinfacht und Zugänge zum Arbeitsmarkt beschleunigt.« Beleg ↗
»Dazu starten wir eine Qualifizierungsoffensive: Gemeinsam mit Unternehmen und Sozialpartner*innen wollen wir die Menschen mit passenden Aus- und individuell-berufsbezogenen Weiterbildungsangeboten unterstützen« Beleg ↗

Das Programm setzt den erkennbaren Schwerpunkt auf die Aktivierung inländischer Potenziale (Erwerbspotenziale von Frauen und Menschen mit Migrations-/Fluchtgeschichte, Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramme, vereinfachte Anerkennungsverfahren) und benennt daneben faire Anwerbe- und Vermittlungspraktiken als Zuwanderungsweg. Beide Wege werden also angesprochen, ein explizites Abwägen ihres relativen Gewichts fehlt aber.

Die Linke

teilweise

»Wir wollen für eine schnellere Anerkennung durch die Kammern sorgen, insbesondere die Möglichkeit des Qualifikationsnachweises durch erneute praktische Prüfung erleichtern.« Beleg ↗
»Wir wollen Wirtschafts- und Transformationsförderung nutzen, um die Unternehmen zum Abschluss von Qualifizierungsvereinbarungen anzuhalten.« Beleg ↗
»Wir wollen Weiterbildungsverbünde fördern und den Aufbau von Personalreserven, um es den Unternehmen zu ermöglichen, auch bei Personalmangel ihre Beschäftigten für Qualifizierungsmaßnahmen freizustellen.« Beleg ↗

Das Programm der Linken setzt auf Qualifizierung und Aktivierung vor Ort: schnellere Anerkennung von Qualifikationsnachweisen durch die Kammern, Qualifizierungsvereinbarungen über die Wirtschaftsförderung sowie Weiterbildungsverbünde und Personalreserven, die Beschäftigte für Weiterbildung freistellen. Zur gezielten Fachkräftezuwanderung äußert sich das Programm nicht, weshalb die Frage nur teilweise beantwortet ist.

AfD

substanziell

»Die Politik setzt zu einseitig auf Migration zur Fachkräftesicherung, statt in vorhandene Potenziale zu investieren. Wir wollen in erster Linie diejenigen Menschen stärken, die schon hier leben – durch Qualifizierung und Weiterbildung. Deshalb setzen wir auf die Förderung von Berufsabschlüssen, gezielte Umschulungen und lebenslanges Lernen.« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich explizit gegen eine migrationszentrierte Fachkräftesicherung und für den Vorrang der Qualifizierung inländischer Potenziale, mit benannten Instrumenten (Berufsabschluss-Förderung, Umschulungen, lebenslanges Lernen). Die Kernfrage nach dem primären Deckungsweg ist damit substanziell beantwortet.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei den Wegen der Fachkräftesicherung unterscheidet sich vor allem die Gewichtung zwischen Zuwanderung und inländischer Qualifizierung. Die SPD benennt beide Wege parallel, ohne ein Gewicht zu setzen: Sie baut den Business Immigration Service für internationale Fachkräfte aus und aktiviert zugleich inländische Potenziale über eine Fachkräftestrategie für Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Ältere. Die Grünen benennen ebenfalls beide Wege, setzen dabei aber den erkennbaren Schwerpunkt auf Aktivierung und Qualifizierung und nennen faire Anwerbepraktiken nur ergänzend. Die AfD positioniert sich explizit gegen eine migrationszentrierte Fachkräftesicherung und für den Vorrang der Qualifizierung bereits hier lebender Menschen. Die Linke deckt im Programm nur die Qualifizierungs-/Aktivierungsseite ab (Anerkennungsverfahren, Weiterbildungsverbünde), ohne eine eigene Position zur Zuwanderungsseite. Das Programm der CDU enthält hierzu keine Aussage.

Muster der Positionen: Verschiedene Ansätze

Die Programme weisen weder in eine gemeinsame noch in zwei entgegengesetzte Richtungen — sie setzen an verschiedenen Stellen an.

Ohne Aussage: CDUAlle vier positionierten Parteien setzen zumindest teilweise auf inländische Qualifizierung; strittig ist nur die Gewichtung der Zuwanderung daneben — SPD verfolgt beide Wege parallel ohne Gewichtung, Grüne mit Schwerpunkt Qualifizierung und Zuwanderung nur ergänzend, AfD lehnt einen migrationszentrierten Ansatz explizit ab, Linke äußert sich zur Zuwanderungsseite gar nicht. Keine Partei vertritt umgekehrt den reinen Vorrang der Zuwanderung, sodass sich kein sauberer Richtungsgegensatz über alle vier bilden lässt.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei den Wegen der Fachkräftesicherung unterscheidet sich vor allem die Gewichtung zwischen Zuwanderung und inländischer Qualifizierung.«

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