Wahlkompass Berlin

ThemenfelderKlima & Energie

Wie wollen die Parteien Haushalte vor hohen Energiepreisen und Energiearmut schützen?

Sachfrage: Soziale Verteilungswirkungen der Energiewende (Energiearmut, Strompreise)

Sachfrage ist, wie die Kosten hoher Energiepreise und der Energiewende auf Haushalte verteilt werden und welche Instrumente gegen Energiearmut vorgesehen sind – etwa Preisdeckel, Schutz vor Strom- und Gassperren, Schuldenberatung oder sozial gestaffelte Förderung energetischer Sanierung. Eine DIW-Analyse der Energiepreiskrise 2022 zeigt, dass die Preissteigerungen die einkommensschwächsten zehn Prozent der Haushalte mit knapp sieben Prozent ihres Nettoeinkommens belasteten; selbst nach staatlichen Entlastungspaketen verblieb bei ihnen eine Nettolast von rund drei Prozent des Einkommens – ein deutlich höherer Anteil als bei einkommensstärkeren Haushalten. Der Anteil der Haushalte mit Risiko einer Energiearmut (Ausgaben über zehn Prozent des Nettoeinkommens für Heizung, Warmwasser und Strom) stieg im selben Zeitraum bundesweit deutlich an. Der Fokus dieser Sachfrage liegt auf der Verteilung der Belastung zwischen Haushalten, nicht auf den volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Klimapolitik.

Forschungsstand & Quellen

DIW Berlin, Stefan Bach/Jakob Knautz, »Hohe Energiepreise: Ärmere Haushalte werden trotz Entlastungspaketen stärker belastet als reichere Haushalte« (DIW Wochenbericht 17/2022, S. 243–251).

Was die Parteien dazu sagen

CDU

teilweise

»Den Wettbewerb verschiedener Energieträger wie Gas, Fernwärme und Wärmepumpen wollen wir erhalten, denn nur so bleiben Heizkosten dauerhaft bezahlbar.« Beleg ↗
»Versorgungssicherheit und bezahlbare Energie müssen auch künftig der zentrale Maßstab der Wärmeplanung bleiben.« Beleg ↗

Die Achse fragt nach der Verteilung der Belastung zwischen Haushalten und nach konkreten Instrumenten gegen Energiearmut (Preisdeckel, Sperrenschutz, Schuldenberatung, gestaffelte Förderung). Das Programm macht 'bezahlbare Energie' zu einem generellen Leitkriterium der Wärmepolitik und berührt damit die Kernfrage nur am Rande, ohne einkommensschwache Haushalte gesondert zu adressieren oder ein Verteilungsinstrument zu benennen – daher teilweise, nicht substanziell.

SPD

substanziell

»Wir nehmen eine sozial gerechte Umsetzung als Teil unserer Verantwortung wahr. Haushalte mit niedrigem Einkommen sollen durch Klimaschutzmaßnahmen nicht zusätzlich belastet werden.« Beleg ↗
»Wir bündeln ihre Arbeit in einer Berliner Energie- und Wärmeberatung, die bei Fragen zu Preisen, Nebenkosten, Heizungswechsel und energetischer Modernisierung kostenfrei und niedrigschwellig unterstützt.« Beleg ↗
»... sorgen zugleich für eine verbraucher*innenfreundliche Wärmewende mit transparenter Preispolitik. Einfallstore für überhöhte Nebenkosten schließen wir.« Beleg ↗

Das Programm formuliert einen expliziten Verteilungsgrundsatz (Niedrigeinkommenshaushalte nicht zusätzlich belasten) und unterlegt ihn mit Instrumenten: kostenfreie, niedrigschwellige Energie- und Wärmeberatung sowie Maßnahmen gegen überhöhte Nebenkosten. Ein bezifferter Preisdeckel oder Sperrschutz fehlt, doch der soziale Ausgleich ist mit mehreren konkreten Instrumenten unterlegt.

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»Menschen mit niedrigem Einkommen, Frauen und ältere Menschen spüren in unserer Stadt die ökologischen Folgen am stärksten … Deshalb müssen Klimaschutzmaßnahmen dort ansetzen, wo die Belastung am größten ist.« Beleg ↗
»In Berlin wollen wir Menschen, die staatliche Transferleistungen erhalten, unbürokratisch dabei unterstützen, Förderungen etwa für Balkonkraftwerke zu nutzen.« Beleg ↗
»In allen Stadtbezirken werden wir eine starke und unabhängige Energieberatung einführen, die für alle Haushalte mit niedrigem Einkommen kostenfrei ist.« Beleg ↗
»Den Härtefallfonds für Energieschulden führen wir fort, um Wohnungsverlust zu verhindern.« Beleg ↗

Das Programm erkennt die soziale Schieflage der Klimafolgen explizit an und benennt konkrete Instrumente: erleichterten Förderzugang für Transferleistungsempfänger*innen, kostenfreie Energieberatung für einkommensschwache Haushalte und die Fortführung eines Härtefallfonds gegen Energieschulden — die Verteilungsfrage ist damit substanziell beantwortet.

Die Linke

substanziell

»umfassende Transparenzvorschriften zur Preisgestaltung, Preiskontrollen und einen Preisdeckel bzw. eine Obergrenze ... um Monopolpreise zu verhindern« Beleg ↗
»sozial gestaffelte Strompreise mit einem preisgünstigen Grundkontingent für alle sowie für ein Verbot von Energiesperren« Beleg ↗
»Maßnahmen zur Vermeidung von Energiearmut sowie von Strom- und Gassperren weiter fortführen. Die Energieschuldenberatung ... wollen wir ausbauen« Beleg ↗
»progressiv wirkende Förderprogramme ..., die nach Einkommensklassen gestaffelt werden, damit Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen besonders unterstützt werden« Beleg ↗

Das Programm benennt mehrere konkrete Verteilungsinstrumente: Preisdeckel/-obergrenze, sozial gestaffelte Strompreise mit Grundkontingent, Verbot von Energiesperren, ausgebaute Schuldenberatung und einkommensgestaffelte Förderprogramme — ein substanzielles, instrumentiertes Bekenntnis zur sozialen Absicherung der Energiewende.

AfD

teilweise

»Der politisch erzwungene Ausstieg aus der Kernenergie und absehbar aus der Kohleverstromung hat zu einer künstlichen Verknappung der Energieversorgung geführt. Die Folge sind explodierende Strom- und Wärmepreise sowie eine gefährliche Abhängigkeit von teuren Energieimporten.« Beleg ↗
»Über eine Bundesratsinitiative wollen wir eine deutliche Senkung der Energiesteuern und eine Abschaffung der CO2-Abgabe erreichen.« Beleg ↗
»Darüber hinaus werden wir die landeseigenen Wohnungsunternehmen verpflichten, den Einkauf der von Ihnen bezogenen Energieträger unabhängig von kurzfristigen Schwankungen der Börsenpreise zu gestalten. Verstöße gegen diese Verpflichtung werden wir durch eine gesetzliche Deckelung von Nachforderungen sanktionieren. Für unklare Abrechnungen werden wir eine Umkehr der Beweislast einführen.« Beleg ↗
»Wir werden uns daher dafür einsetzen, dass in den Heizkostenabrechnungen künftig sämtliche Kostenfaktoren für die Mieter transparent offengelegt werden müssen, um so einen Kostenvergleich zwischen verschiedenen Anbietern zu ermöglichen.« Beleg ↗

Das Programm beschreibt ausführlich, warum Strom-, Gas- und Fernwärmepreise gestiegen sind, und verspricht spürbare Entlastung: Energiesteuern und CO2-Abgabe sollen gesenkt beziehungsweise abgeschafft, überhöhte Nachforderungen bei der Heizkostenabrechnung gedeckelt und Abrechnungen transparenter gemacht werden. Diese Entlastung gilt aber pauschal für alle Haushalte gleichermaßen – ein eigenes Instrument, das gezielt einkommensschwache Haushalte vor Energiearmut schützt (etwa Schutz vor Strom- oder Gassperren, Schuldnerberatung oder eine nach Einkommen gestaffelte Förderung energetischer Sanierung), findet sich im Programm nicht.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei den Verteilungswirkungen hoher Energiepreise trennt die Parteien vor allem, ob das Entlastungsinstrument gezielt auf einkommensschwache Haushalte zugeschnitten ist oder allgemein wirkt. SPD, Grüne und Linke setzen auf adressierte Instrumente: Die SPD formuliert ein Belastungsverbot für Niedrigeinkommenshaushalte samt kostenfreier Energie- und Wärmeberatung, die Grünen erleichtern Transferleistungsempfänger*innen den Förderzugang und führen einen Härtefallfonds gegen Energieschulden fort, die Linke setzt auf einen Preisdeckel, sozial gestaffelte Strompreise mit Grundkontingent, ein Verbot von Energiesperren und ausgebaute Schuldenberatung. CDU und AfD entlasten dagegen ohne ein auf einkommensschwache Haushalte zugeschnittenes Instrument: Die CDU macht bezahlbare Energie zu einem allgemeinen Leitkriterium ihrer Wärmepolitik, ohne einkommensschwache Haushalte gesondert zu adressieren; die AfD will über eine Bundesratsinitiative Energiesteuern senken und die CO2-Abgabe abschaffen sowie Nachforderungen bei der Heizkostenabrechnung gesetzlich deckeln und die Abrechnungen transparenter machen — Maßnahmen, die für alle Haushalte gleichermaßen gelten. Innerhalb der ersten Gruppe unterscheiden sich zudem die Instrumente selbst: Die SPD verbindet ihr Belastungsverbot mit Beratung, die Grünen verbinden erleichterten Förderzugang mit einem bestehenden Härtefallfonds, die Linke verbindet einen Preisdeckel mit einem Sperrverbot.

Muster der Positionen: Zwei Richtungen

Gezielte Verteilungsinstrumente für einkommensschwache Haushalte
Allgemeine Entlastung ohne einkommensbezogenes Instrument

Innerhalb Gruppe A unterscheiden sich die Instrumente (SPD: Belastungsverbot + Beratung, Grüne: Förderzugang + Härtefallfonds, Linke: Preisdeckel + Sperrverbot); die AfD koppelt ihre Entlastung an den Rückbau des gesamten Klimaschutzregimes.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei den sozialen Verteilungswirkungen der Energiewende trennt die Parteien vor allem, ob das Instrument gezielt auf einkommensschwache Haushalte zugeschnitten ist oder als allgemeine Entlastung wirkt.«

Verwandte Fragen, deren Antworten hier hineinspielen: