Wahlkompass Berlin

ThemenfelderBildung

Was planen die Parteien für die duale Ausbildung? — Wie wollen sie genug Ausbildungsplätze sichern?

Sachfrage: Berufliche Bildung und duale Ausbildung: Plätze, Finanzierung, Gleichstellung mit akademischer Bildung

Wie das Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen gesichert wird (Ausbildungsumlage vs. freiwilliger Konsens mit der Wirtschaft, Ausbildungsgarantie) und wie berufliche Bildung finanziell und rechtlich der akademischen gleichgestellt wird, ist bundesweit und in Berlin ein zunehmend akutes Politikfeld: 2023 blieben laut IAB bundesweit 35 Prozent aller angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt (2010: 15 Prozent), 2024 lag der Anteil bei 33 Prozent — bei gleichzeitig hoher Zahl unversorgter Bewerber:innen (Passungsproblem). Kleinstbetriebe konnten rund 57 Prozent ihrer Ausbildungsplätze nicht besetzen, Großbetriebe nur 12 Prozent; Berlin zählt laut IAB zu den Regionen mit vergleichsweise größeren Versorgungsproblemen und hat 2023 eine Ausbildungsplatzumlage beschlossen.

Forschungsstand & Quellen

IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung), Kurzbericht »Betriebliche Ausbildung ist ein wichtiges Instrument, um den Fachkräftebedarf zu sichern« (IAB-Kurzbericht 3/2023), auf Basis des IAB-Betriebspanels (rund 15.000 befragte Betriebe).

Was die Parteien dazu sagen

CDU

substanziell

»Die Ausbildung zum Meister, Techniker sowie Fachwirt werden wir kostenfrei machen...« Beleg ↗
»Wir setzen uns für eine echte Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ein...« Beleg ↗
»Das eigene Landesinstitut für berufliche Bildung... soll Schulen, Wirtschaft, Handwerk und Ausbildungsträger besser vernetzen...« Beleg ↗
»Den Ausbildungsplatzförderungsfonds werden wir hinsichtlich seiner Wirksamkeit und seiner Auswirkungen auf Betriebe, Ausbildungskapazitäten und Bürokratie zeitnah evaluieren. Sollte sich zeigen, dass die erhofften positiven Effekte ausbleiben oder die Belastungen überwiegen, werden wir den Fonds wieder abschaffen.« Beleg ↗
»Das neue 11. Pflichtschuljahr gibt Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz eine klare Perspektive.« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich klar für die Gleichstellung beruflicher mit akademischer Bildung (Gebührenfreiheit der Aufstiegsfortbildung als finanzielle Parität, explizites Gleichwertigkeitsbekenntnis) und benennt mit dem neuen Landesinstitut für berufliche Bildung ein Instrument zur besseren Vernetzung von Schulen, Wirtschaft und Ausbildungsträgern, das auf ein größeres Ausbildungsplatzangebot zielt. Zur Ausbildungsplatzumlage vs. freiwilligem Konsens findet sich keine explizite CDU-eigene Aussage, die übrigen Instrumente tragen die Einordnung dennoch.

SPD

substanziell

»Wir setzen einen Schulentwicklungsplan für berufliche Schulen um. ... Ein Landesinstitut für berufliche Schulen steuert die Qualität und Weiterentwicklung.« Beleg ↗
»Das 11. Pflichtschuljahr entwickeln wir weiter ... stärken wir die Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung (IBA)« Beleg ↗
»Berufsorientierung (BO) beginnt ab der Grundschule. Deshalb bauen wir BO-Teams aus.« Beleg ↗
»setzen die Ausbildungsplatzumlage um. Damit fördern wir die Solidarität der Betriebe untereinander: Wer nicht ausbildet, finanziert die Ausbildungskosten in den Betrieben, die sich engagieren.« Beleg ↗

Das Programm der SPD bekennt sich zur Ausbildungsplatzumlage, mit der Betriebe, die nicht ausbilden, die Ausbildungskosten anderer mittragen, und ergänzt dies um ein Landesinstitut für berufliche Schulen mit Schulentwicklungsplan sowie ausgebaute Berufsorientierung und Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung. Die materielle Absicherung der Auszubildenden selbst behandelt das Programm bei der Nachbar-Sachfrage ›Wie wollen die Parteien Auszubildende materiell und rechtlich absichern? — Azubi-Ticket, Wohnkosten, Schutz vor Ausbeutung?‹.

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»Wir machen die duale Ausbildung zu einer gleichwertigen Alternative zum Studium, indem wir sie durch eine umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie stärken.« Beleg ↗
»Wir Grüne machen uns für die Einführung einer solidarischen Ausbildungsplatzumlage stark.« Beleg ↗
»Die Meister*innenausbildung soll gebührenfrei, geschlechtergerechter und flexibler gestaltet werden.« Beleg ↗
»Als neuer organisatorischer Pfeiler entsteht das Landesinstitut für berufliche Bildung.« Beleg ↗
»Unser Ziel, mehr junge Menschen für eine berufliche Zukunft im öffentlichen Dienst zu gewinnen, wollen wir durch eine Ausbildungsoffensive erreichen.« Beleg ↗

Die Grünen positionieren sich klar für eine umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie beziehungsweise eine solidarische Ausbildungsplatzumlage zur Sicherung des Ausbildungsplatzangebots. Zur Gleichstellung mit akademischer Bildung nennen sie konkrete Instrumente: eine gebührenfreie Meisterausbildung, ein neues Landesinstitut für berufliche Bildung und die duale Ausbildung als ›gleichwertige Alternative zum Studium‹.

Die Linke

substanziell

»Durch die konsequente Einführung und Umsetzung der Ausbildungsumlage wollen wir Betriebe, die ausbilden, entlasten ... den Ausbildungsbetrieben die vollen Kosten für alle Azubis erstattet werden« Beleg ↗
»Alle jungen Menschen, die kein Studium aufnehmen wollen, erhalten ein Angebot für einen Ausbildungsplatz (Ausbildungsgarantie)« Beleg ↗
»Wir wollen die Verbundausbildung stärken. Sie erleichtert es vor allem kleinen und mittleren Betrieben, sich an der beruflichen Ausbildung zu beteiligen. Das sorgt für mehr Ausbildungsplätze.« Beleg ↗
»Auch das Land Berlin und die landeseigenen Betriebe müssen ihren Beitrag leisten und mehr Ausbildung anbieten. Durch eine bessere Berufsorientierung in den Schulen, Erleichterung von Praktika und passgenaue Vermittlung werden wir den Übergang von der Schule in die Ausbildung verbessern.« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich für die Ausbildungsumlage mit voller Kostenerstattung an ausbildende Betriebe statt eines freiwilligen Konsenses und verknüpft dies mit einer Ausbildungsgarantie für alle jungen Menschen ohne Studienwunsch. Die Sicherung des Ausbildungsplatzangebots ist damit mit Position und Instrument abgedeckt; zur Gleichstellung beruflicher mit akademischer Bildung liegt in den vorliegenden Fundstellen kein spezifischer Beleg vor.

AfD

substanziell

»Wir setzen deshalb auf verstärkte Förderung und verbesserte Rahmenbedingungen für betriebliche Ausbildung statt auf Strafe und Überwachung – die Ausbildungsplatzumlage lehnen wir als kontraproduktiv und demotivierend ab.« Beleg ↗
»Eine Ausbildungsplatzabgabe lehnen wir ab, wir setzen auf einen Ausbildungskonsens mit der Wirtschaft und steuerliche Entlastung für Ausbildungsbetriebe.« Beleg ↗
»Nach Hamburger Vorbild wollen wir ein Landesinstitut für berufliche Bildung gründen.« Beleg ↗
»Dazu müssen ergänzend eine Erhöhung des Aufstiegs-BAföGs (Meister-BAföG), eine Meistergründungsprämie sowie ein Fortbildungsfonds nach niederländischem Vorbild kommen.« Beleg ↗
»Als Möglichkeit zur Weiterqualifikation nach der Berufsausbildung fördern wir die Aufstiegsfortbildungen (z. B. die Meister- oder Technikerausbildung) finanziell.« Beleg ↗
»Um die Ausbildungsbereitschaft und die Ausbildungsfähigkeit zu verbessern, fordern wir eine stärkere Berufsorientierung in unseren Schulen, den Ausbau der Jugendberufsagenturen und gezielte Förderprogramme für Ausbildungsbetriebe.« Beleg ↗

Das Programm bezieht klar Position gegen eine Ausbildungsplatzumlage/-abgabe und für einen freiwilligen Ausbildungskonsens mit der Wirtschaft samt steuerlicher Entlastung und institutionellem Landesinstitut. Zur Gleichstellung mit akademischer Bildung nennt es Aufstiegs-BAföG, Meistergründungsprämie, Fortbildungsfonds und die Förderung von Meister-/Technikerausbildungen.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei der Sicherung des Ausbildungsplatzangebots trennt die Parteien der Instrumententyp: SPD, Grüne und Linke setzen auf eine umlagefinanzierte Ausbildungsplatzumlage (Linke und Grüne verbinden sie mit einer Ausbildungsgarantie), während die AfD die Umlage ablehnt und stattdessen auf einen freiwilligen Ausbildungskonsens mit der Wirtschaft samt steuerlicher Entlastung setzt. Die CDU trifft zur Umlage keine explizite Aussage und evaluiert stattdessen einen bestehenden Ausbildungsplatzförderungsfonds mit Abschaffungsvorbehalt. Bei der Gleichstellung mit akademischer Bildung wählen die Parteien unterschiedliche Instrumente — CDU und AfD fördern Aufstiegsfortbildungen gebührenfrei bzw. finanziell, die Grünen ebenso bei der Meisterausbildung; CDU, SPD, Grüne und AfD kündigen zudem ein eigenes Landesinstitut für berufliche Bildung an, die Linke äußert sich hierzu in den vorliegenden Fundstellen nicht.

Muster der Positionen: Eine Partei gegen die übrigen

Ausbildungsplatzumlage einführen
Umlage ablehnen, freiwilliger Konsens mit der Wirtschaft

Grüne und Linke verbinden die Ausbildungsplatzumlage mit einer zusätzlichen Ausbildungsgarantie, die SPD bekennt sich nur zur Umlage selbst, und die AfD lehnt eine solche Umlage ganz ab. CDU: äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage — Die CDU trifft zur Umlage keine explizite Aussage und evaluiert stattdessen einen bestehenden Ausbildungsplatzförderungsfonds mit Abschaffungsvorbehalt.Linke und Grüne verbinden die Umlage mit einer Ausbildungsgarantie; die CDU trifft zur Umlage keine explizite Aussage und evaluiert stattdessen einen bestehenden Ausbildungsplatzförderungsfonds mit Abschaffungsvorbehalt; die AfD verbindet ihre Ablehnung mit steuerlicher Entlastung.Reihenfolge nach Programmtext, keine Abstände.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei der Sicherung des Ausbildungsplatzangebots trennt die Parteien der Instrumententyp: SPD, Grüne und Linke setzen auf eine umlagefinanzierte Ausbildungsplatzumlage (Linke und Grüne verbinden sie mit einer Ausbildungsgarantie), während die AfD die Umlage ablehnt und stattdessen auf einen freiwilligen Ausbildungskonsens mit der Wirtschaft samt steuerlicher Entlastung setzt.«

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