Wahlkompass Berlin

ThemenfelderKultur

Was wollen die Parteien für Musik-, Kunst- und Theaterunterricht für Kinder und Jugendliche tun?

Sachfrage: Kulturelle Bildung als eigenständiges pädagogisches Politikfeld

Der bildungs- und kulturpolitische Diskurs zur kulturellen/ästhetischen Bildung (Musik-, Kunst-, Theater-, Tanzpädagogik, kulturelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen unabhängig von familiärem Hintergrund) als eigenständigem, empirisch erforschtem Bildungsbereich — zu unterscheiden von 'kultureller Bildung' im Sinne der Vermittlung von Nationalgeschichte/Wissen über die eigene Kultur, wie sie in Integrations- oder Identitätsdebatten verwendet wird.

Forschungsstand & Quellen

Der Rat für Kulturelle Bildung (2012–2021, Initiative von sieben Stiftungen, u. a. Bertelsmann-, Deutsche Bank-, Robert-Bosch- und Mercator-Stiftung) hat ein knappes Jahrzehnt lang Stand und Qualität kultureller Bildung in Deutschland wissenschaftlich begleitet und in einem eigenen Forschungsfonds Kulturelle Bildung (2015–2017) untersucht. Die Ergebnisse zeigten laut Rat, dass kulturelle Bildung eine erhebliche gesellschaftliche Bedeutung hat — als 'entscheidende Ressource für individuelle Bildungsprozesse und gesellschaftliche Entwicklung'. Zu den zentralen Studien zählen 'Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019' (Bedeutung audiovisuellen Lernens für 12- bis 19-Jährige) und 'Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung. Horizont 2018' (erste repräsentative Daten zu Digitalisierungseffekten in Bibliotheken im Hinblick auf kulturelle Bildung). Kulturelle Bildung wird im fachlichen Diskurs als eigener pädagogischer Kompetenzbereich (ästhetische Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Urteilsfähigkeit durch Musik, Kunst, Theater, Tanz, Literatur) verstanden, mit Zugangsungleichheit nach sozialer Herkunft als zentralem Forschungsproblem — deutlich verschieden von der Verwendung des Begriffs 'kulturelle Bildung' als Vermittlung von Landesgeschichte/-wissen im Integrationskontext.

Was die Parteien dazu sagen

CDU

fehlt

Keine Fundstelle behandelt Musik-, Kunst-, Theater- oder Tanzpädagogik als eigenständigen Bildungsbereich für Kinder und Jugendliche. Die zunächst zugeordnete Fundstelle zu vergünstigten Kultur-Tickets betrifft Konsumzugang, nicht Unterricht/Pädagogik, und wurde deshalb gestrichen.

SPD

teilweise

»...Musikschulen, kommunalen Galerien, Jugendkunstschulen...« Beleg ↗
»Kooperationen mit Sportvereinen ..., Musikschulen und außerschulischen Lernorten stärken wir weiter, besonders mit Gartenarbeitsschulen, Jugendkunstschulen...« Beleg ↗

Musikschulen und Jugendkunstschulen werden als zu sichernde bzw. zu stärkende Infrastruktur genannt, auch im Bildungskapitel verknüpft mit außerschulischen Lernorten. Eine eigenständige pädagogische Begründung ästhetischer Bildung als empirisch erforschtes Politikfeld fehlt jedoch — beide Belege bleiben Infrastruktur-Aufzählungen ohne didaktisches Konzept.

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»Wir wollen, dass Kulturelle Bildung ein integraler Bestandteil aller öffentlich geförderten Kultureinrichtungen wird und dies im neuen Kulturfördergesetz verankern.« Beleg ↗
»Zusätzlich werden wir den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung ausbauen und die Unabhängigkeit der Fachjury wieder stärken« Beleg ↗
»Wir möchten, dass Berliner Schüler*innen mindestens viermal im Jahr eine Kultureinrichtung besuchen können.« Beleg ↗

Die Grünen positionieren kulturelle Bildung als eigenständiges Politikfeld: Sie soll gesetzlich im neuen Kulturfördergesetz verankert werden, der Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung wird ausgebaut und die Unabhängigkeit der Fachjury gestärkt. Dazu kommt ein konkretes Teilhabe-Ziel — Schülerinnen und Schüler sollen mindestens viermal im Jahr eine Kultureinrichtung besuchen können. Die im Programm ebenfalls angesprochene Festanstellung von Musikschullehrkräften betrifft deren Erwerbslage, nicht den pädagogischen Inhalt, und gehört daher zur Sachfrage ›Was wollen die Parteien für die Absicherung freischaffender Künstlerinnen und Künstler tun? — Wie stehen sie zur Künstlersozialkasse?‹.

Die Linke

substanziell

»Die Chance auf kulturelle Teilhabe und Bildung vom ersten Lebensjahr an braucht niedrigschwellige Angebote ... TUSCH (Theater und Schule) und TUKI (Theater und Kita), Kinderkulturmonat, Urbane Praxis« Beleg ↗
»dauerhafte Einführung des Landes-KulturPasses für junge Menschen von 16 bis 21 Jahren ... 100 Euro pro Person und Jahr« Beleg ↗
»verbindliches 3-Euro-Ticket in allen öffentlichen Kulturinstitutionen einführen« Beleg ↗
»Aufsuchende Kulturarbeit sowie Angebote der kulturellen Bildung und Teilhabe für Kinder und Jugendliche in den Unterkünften braucht es dringend« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich substanziell zu kultureller Bildung als eigenständigem pädagogischem Feld für Kinder und Jugendliche unabhängig vom familiären Hintergrund und nennt konkrete Instrumente: die Kooperationsformate TUSCH/TUKI, den Kinderkulturmonat, den Landes-KulturPass, ein 3-Euro-Ticket sowie aufsuchende Kulturarbeit für geflüchtete Kinder. Erkennbar handelt es sich um pädagogische Teilhabeförderung, nicht um Vermittlung von Nationalgeschichte oder Identität.

AfD

teilweise

»Bei kulturellen Angeboten für Kinder und Jugendliche – vom Kindertheater bis zur Jugendkunstschule – darf nicht gespart werden.« Beleg ↗

Das Programm der AfD trifft die Kernfrage nach Musik-, Kunst- und Theaterangeboten für Kinder und Jugendliche (»vom Kindertheater bis zur Jugendkunstschule« dürfe nicht gespart werden); ein Bezug dazu, wie Teilhabe unabhängig vom familiären Hintergrund gesichert werden soll, fehlt. Eine an anderer Stelle im Programm vertretene, identitätspolitisch geprägte Lesart von »kultureller Bildung« (Bewahrung des christlich-abendländischen Erbes) zählt hier nicht, weil sie eine andere Frage betrifft.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei der kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche trennt die Parteien vor allem der Instrumententyp: Die Grünen verankern das Feld strukturell (Pflichtbestandteil aller geförderten Kultureinrichtungen im neuen Kulturfördergesetz, ausgebauter Projektfonds, ein Besuchsziel von mindestens vier Kultureinrichtungen jährlich je Schüler*in), die Linke setzt auf niedrigschwellige Teilhabeinstrumente (Kooperationsformate TUSCH/TUKI, Kinderkulturmonat, Landes-KulturPass, 3-Euro-Ticket, aufsuchende Kulturarbeit für geflüchtete Kinder). SPD und AfD nennen demgegenüber nur zu erhaltende bzw. nicht zu kürzende Infrastruktur (Musikschulen, Jugendkunstschulen, Kindertheater) ohne eigenes didaktisches oder strukturelles Konzept. Das Programm der CDU enthält zu dieser Sachfrage keine Aussage.

Muster der Positionen: Gleiche Richtung

Gemeinsame Richtung: Kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche sichern und ausbauen — wie verbindlich legen sich die Programme fest?

Absichtserklärung
Festgelegt: Instrument, Zahl und Termin

Grüne und Linke beziffern ihre Instrumente (Besuchsziel bzw. Ticket- und Passpreise), SPD und AfD bleiben beim Bekenntnis, die Infrastruktur zu erhalten, ohne eigenes Instrument.Ohne Aussage: CDUGrüne verankern das Feld strukturell (Pflichtbestandteil im Kulturfördergesetz, Projektfonds, Besuchsziel), die Linke setzt auf niedrigschwellige Teilhabeinstrumente; SPD und AfD nennen dagegen nur zu erhaltende bzw. nicht zu kürzende Infrastruktur ohne eigenes didaktisches oder strukturelles Konzept.Stufen: Absicht · Instrument benannt · Instrument + Zahl oder Termin · Instrument + Zahl und Termin. Verbindlich heißt: festgelegt — nicht: besser.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei der kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche trennt die Parteien vor allem der Instrumententyp: Die Grünen verankern das Feld strukturell (Pflichtbestandteil aller geförderten Kultureinrichtungen im neuen Kulturfördergesetz, ausgebauter Projektfonds, ein Besuchsziel von mindestens vier Kultureinrichtungen jährlich je Schüler*in), die Linke setzt auf niedrigschwellige Teilhabeinstrumente (Kooperationsformate TUSCH/TUKI, Kinderkulturmonat, Landes-KulturPass, 3-Euro-Ticket, aufsuchende Kulturarbeit für geflüchtete Kinder). SPD und AfD nennen demgegenüber nur zu erhaltende bzw. nicht zu kürzende Infrastruktur (Musikschulen, Jugendkunstschulen, Kindertheater) ohne eigenes didaktisches oder strukturelles Konzept.«

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