Wahlkompass Berlin

ThemenfelderMigration & Integration

Was wollen die Parteien bei den Regeln für die Einbürgerung ändern oder beibehalten?

Sachfrage: Staatsangehörigkeit und Einbürgerung

Unter welchen Voraussetzungen und mit welchem Verfahren die deutsche Staatsangehörigkeit erworben werden kann — Anforderungen an Sprach- und Werte-/Rechtsbekenntnis, Mindestaufenthaltsdauer, Umgang mit Mehrstaatigkeit, Verfahrensstrenge — ist seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts (in Kraft seit 27. Juni 2024, u. a. generelle Zulassung von Mehrstaatigkeit, verkürzte Mindestfristen) politisch umkämpft. 2024 erreichten die Einbürgerungen mit 291.955 einen historischen Höchststand (+46 % gegenüber dem Vorjahr), maßgeblich getragen von Geflüchteten aus Syrien (28 % aller Einbürgerungen), dem Irak und Afghanistan; die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Eingebürgerten lag bei 11,4 Jahren. Strittig ist, ob die Reform Integration erleichtert oder Anforderungen (Sicherung des Lebensunterhalts, Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung) im Gegenzug verschärft und welche Folgen dies für vulnerable Gruppen hat.

Forschungsstand & Quellen

Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR), Positionspapier »Zur Weiterentwicklung des Staatsangehörigkeitsrechts« (2024); Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 204 vom 09.06.2025, »291.955 Einbürgerungen im Jahr 2024«.

Was die Parteien dazu sagen

CDU

substanziell

»Die deutsche Staatsbürgerschaft darf nur erhalten, wer unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung anerkennt ... sowie das Existenzrecht Israels anerkennt.« Beleg ↗
»Wer deutscher Staatsbürger werden möchte, muss sich klar zu unserem Land und seinen Werten bekennen.« Beleg ↗
»Werden falsche Angaben gemacht, muss die Einbürgerung widerrufen werden können.« Beleg ↗

Substanzielle Position mit konkreten Verfahrensinstrumenten: Prüfung der Versagungsgründe §§10/11 StAG, Werte-/Rechtsbekenntnis als Voraussetzung, Widerrufsmöglichkeit bei falschen Angaben. Die Reform von 2024 selbst (Mehrstaatigkeit, verkürzte Fristen) wird nicht explizit bewertet, die Verfahrensstrenge aber klar adressiert.

SPD

substanziell

»Das Antragsverfahren und die Beratungsstrukturen digitalisieren wir bestmöglich. Wir starten eine Einbürgerungskampagne, mit der wir alle Bürger*innen ansprechen, die die Voraussetzungen erfüllen.« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich klar für eine erleichterte, aktiv beworbene Einbürgerung und benennt konkrete Instrumente: Digitalisierung von Antragsverfahren und Beratung sowie eine gezielte Einbürgerungskampagne für Menschen, die die Voraussetzungen bereits erfüllen.

Bündnis 90/Die Grünen

fehlt

Das Programm der Grünen äußert sich zur Entkopplung von Wahlrecht und politischer Teilhabe von der Staatsangehörigkeit, nicht aber zu den Voraussetzungen der Einbürgerung selbst — Sprach- und Wertekenntnisse, Mindestaufenthalt, Mehrstaatigkeit oder Verfahrensstrenge werden nicht behandelt.

Die Linke

teilweise

»Neben der digitalen Antragstellung muss im Sinne der Barrierefreiheit auch eine nicht-digitale Antragstellung ermöglicht werden und der Einbürgerungsrückstau beendet werden.« Beleg ↗

Die Linke adressiert bei der Einbürgerung nur einen verwaltungspraktischen Teilaspekt: digitale Antragstellung und den Abbau des Bearbeitungsrückstaus. Zu den zentralen inhaltlichen Streitfragen – Mehrstaatigkeit, Mindestaufenthaltsdauer, Sprach- oder Wertebekenntnis, Verfahrensstrenge nach der Reform 2024 – sagt das Programm nichts.

AfD

substanziell

»alle laufenden Einbürgerungsverfahren und alle neu gestellten Anträge einem Moratorium … unterstellen, bis … alle unrechtmäßigen und betrügerisch erlangten Einbürgerungen gemäß § 35 StAG zurückgenommen worden sind« Beleg ↗
»Die verbindliche persönliche Vorsprache und Anwendung des Vier-Augen-Prinzips zur Überprüfung von Sprachkenntnissen, erfolgter Integration und Verfassungstreue.« Beleg ↗
»… darf im LEA die letztendliche Entscheidung über eine Einbürgerung ausschließlich durch einen Beamten getroffen werden.« Beleg ↗
»Die Einrichtung einer zentralen und staatlich beaufsichtigten Stelle für Sprachprüfungen im Deutschen, um Qualität sicherzustellen und Missbrauchskontrolle zu ermöglichen.« Beleg ↗
»Die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft bei Doppelstaatlern, die wegen schwerer Straftaten verurteilt worden sind, insbesondere wegen Mordes und Totschlages, schwerer Sexualstraftaten, Terrorismus, schweren Raubes oder schwerer Drogenkriminalität …« Beleg ↗

Das Programm fordert für Einbürgerungsverfahren ein Moratorium für alle laufenden und neuen Anträge bis zur Überprüfung auf Unregelmäßigkeiten und Rücknahme unrechtmäßiger Einbürgerungen, eine verpflichtende persönliche Vorsprache nach dem Vier-Augen-Prinzip zur Kontrolle von Sprachkenntnissen, Integration und Verfassungstreue, eine zentrale staatliche Prüfstelle für Sprachtests sowie eine Entscheidung ausschließlich durch Beamte. Zusätzlich soll Doppelstaatlern nach Verurteilung wegen schwerer Straftaten die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt werden. Zur Reform der Mehrstaatigkeit selbst nimmt das Programm nicht direkt Stellung, wohl aber zu deren strafrechtlicher Rücknahme-Konsequenz.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei den Einbürgerungsregeln trennt die Parteien vor allem die Richtung der Verfahrensänderung: verschärfen oder erleichtern. CDU und AfD setzen auf Verschärfung – die CDU über ein Werte-/Rechtsbekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und eine Widerrufsmöglichkeit bei falschen Angaben, die AfD deutlich weitergehend über ein Prüfmoratorium für alle laufenden und neuen Einbürgerungsverfahren, ein Vier-Augen-Prinzip bei Sprach- und Verfassungstreue-Prüfungen, eine ausschließliche Entscheidungsbefugnis von Beamten sowie die Aberkennung der Staatsangehörigkeit bei wegen schwerer Straftaten verurteilten Doppelstaatlern. Die SPD setzt umgekehrt auf Erleichterung durch Digitalisierung des Antragsverfahrens und eine aktive Einbürgerungskampagne für bereits anspruchsberechtigte Personen. Die Linke berührt nur einen verwaltungspraktischen Teilaspekt – Abbau des Einbürgerungsrückstaus und eine nicht-digitale Antragstellungsoption –, ohne sich zu den materiellen Streitfragen der Reform von 2024 wie Mehrstaatigkeit, Mindestaufenthaltsdauer oder Wertebekenntnis zu positionieren; das Programm der Grünen enthält zu den Einbürgerungsvoraussetzungen selbst keine Aussage.

Muster der Positionen: Zwei Richtungen

Verschärfung der Einbürgerungsvoraussetzungen
Erleichterung des Einbürgerungsverfahrens

Bei der Verschärfung geht die AfD mit Prüfmoratorium, Vier-Augen-Prinzip und Aberkennung der Staatsangehörigkeit deutlich weiter als die CDU, die sich auf ein Werte-/Rechtsbekenntnis und eine Widerrufsmöglichkeit beschränkt; bei der Erleichterung setzt die SPD mit Digitalisierung und aktiver Einbürgerungskampagne breiter an als die Linke, die nur den Abbau des Einbürgerungsrückstaus und nicht-digitale Antragswege anspricht, ohne sich zu den materiellen Streitfragen der Reform von 2024 zu positionieren.Ohne Aussage: GrüneDie AfD geht mit Prüfmoratorium für laufende Verfahren, Vier-Augen-Prinzip bei Sprach-/Verfassungstreue-Prüfungen und der Aberkennung der Staatsangehörigkeit bei verurteilten Doppelstaatlern deutlich weiter als die CDU (Werte-/Rechtsbekenntnis, Widerrufsmöglichkeit bei falschen Angaben). Auf der Erleichterungsseite setzt die SPD auf Digitalisierung des Antragsverfahrens und eine aktive Einbürgerungskampagne; die Linke geht deutlich enger nur auf einen verwaltungspraktischen Teilaspekt ein (Abbau des Einbürgerungsrückstaus, nicht-digitale Antragswege) und positioniert sich nicht zu den materiellen Streitfragen der Reform von 2024 (Mehrstaatigkeit, Mindestaufenthaltsdauer, Wertebekenntnis).Reihenfolge nach Programmtext, keine Abstände.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei den Einbürgerungsregeln trennt die Parteien vor allem die Richtung der Verfahrensänderung: verschärfen oder erleichtern.«