Wie stehen die Parteien zur Klärung der Herkunft von Museumsobjekten aus Raubkunst und Kolonialzeit?
Sachfrage: Provenienzforschung als etablierter Wissenschafts- und Rechtsstaatsstandard
Der museums- und rechtswissenschaftliche Konsens, dass systematische Provenienzforschung (Herkunftsklärung von Sammlungsobjekten aus NS-Raubkunst, Kolonialkontexten und SBZ/DDR-Enteignungen) eine völkerrechtlich/politisch verpflichtete, wissenschaftlich etablierte Aufgabe öffentlicher Sammlungen ist — Umsetzung der Washingtoner Prinzipien (1998) und der gemeinsamen Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen (1999).
Forschungsstand & Quellen
Die Washingtoner Prinzipien von 1998 (von 44 Staaten, darunter Deutschland, unterzeichnet) legten internationale Standards zur Identifizierung und fairen/gerechten Lösung bei NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut fest. Deutschland verpflichtete sich mit der gemeinsamen Erklärung von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden (1999), NS-Raubkunst insbesondere aus jüdischem Besitz zu identifizieren und zurückzugeben. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg wurde 2015 als zentrale Förder- und Koordinierungsstelle von Bund, Ländern und Kommunen gegründet; es finanziert, initiiert und vernetzt Provenienzforschung nicht nur in öffentlichen, sondern auch in privaten Einrichtungen. Seit 2008 (unter Einschluss der Vorläuferinstitution) wurden bis September 2023 437 kurz- und langfristige Provenienzforschungsprojekte in Museen, Bibliotheken, Archiven und Privatsammlungen gefördert. Das DZK betreibt zudem die Datenbanken Lost Art (Fahndungsdatenbank, seit 2000) und Proveana (Rechercheportal für Forschungsergebnisse, seit 2020). Der Arbeitskreis Provenienzforschung e.V., der Fachverband der auf diesem Gebiet Forschenden, zählt rund 500 Mitglieder — ein Beleg für die disziplinäre Etablierung des Feldes. Seit 2019 wurde der Forschungsauftrag des DZK ausdrücklich auf Kulturgut aus kolonialen Kontexten sowie auf Enteignungen in der SBZ/DDR erweitert, was den Konsens dokumentiert, dass anlassunabhängige systematische Grundlagenforschung — nicht nur die Bearbeitung bereits angemeldeter Restitutionsansprüche — als notwendiger wissenschaftlicher Standard gilt, weil Anspruchsberechtigte ohne vorherige Erschließung der Bestände ihre Ansprüche oft gar nicht identifizieren können.
Keine Fundstelle erwähnt Provenienzforschung, NS-Raubkunst, koloniale Sammlungsbestände oder SBZ/DDR-Enteignungen im musealen Kontext; die Erinnerungskultur-Passage behandelt Gedenkorte und Aufarbeitung, nicht die Herkunftsklärung von Sammlungsobjekten.
SPD
fehlt
Keine Fundstelle erwähnt Provenienzforschung, NS-Raubkunst, koloniale Sammlungsobjekte oder die Washingtoner Prinzipien; die einschlägig klingende Stelle zu 'Kolonialismus erinnern' behandelt Gedenk- und Lernortarbeit, nicht die rechtlich-wissenschaftliche Herkunftsklärung von Museumsobjekten.
Bündnis 90/Die Grünen
teilweise
»Wir erleichtern die Rückgabe von Raubkunst und menschlichen Gebeinen sowie die Umbenennung von Straßennamen mit kolonialen, rassistischen und antisemitischen Bezügen.« Beleg ↗
Die Grünen wollen die Rückgabe von Raubkunst und menschlichen Gebeinen erleichtern und benennen damit ein Instrument zur Restitution. Wie und mit welchen Mitteln Provenienzforschung als systematischer Wissenschafts- und Rechtsstaatsstandard an Berliner Sammlungen verankert werden soll, sagt das Programm dagegen nicht — es äußert sich also nur zum Ergebnis der Restitution, nicht zur Forschungsinfrastruktur dahinter.
Die Linke
fehlt
Zur Herkunftsklärung und Rückgabe von Museumsobjekten aus Raubkunst- oder Kolonialkontexten äußert sich das Programm der Linken nicht. Vorhandene Aussagen zur kolonialen Vergangenheit betreffen nur Erinnerungsarbeit wie Gedenkorte, nicht die Klärung konkreter Sammlungsobjekte.
AfD
fehlt
Provenienzforschung, NS-Raubkunst-Rückgabe und die Washingtoner Prinzipien werden nicht erwähnt; die einzigen Kolonial-Treffer kritisieren postkoloniale Theoriebildung in der Erinnerungspolitik und beantworten damit nicht die Frage nach der Herkunftsklärung von Museumsobjekten.
Was die Unterschiede praktisch bedeuten
Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten —
beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose.
Zur Methodik.
Zur systematischen Provenienzforschung äußern sich vier der fünf Parteien — CDU, Linke, SPD und AfD — nicht; ihre einschlägig klingenden Passagen behandeln Erinnerungsarbeit oder Gedenkorte, nicht die Herkunftsklärung konkreter Sammlungsobjekte. Allein die Grünen positionieren sich, dies jedoch nur am Ergebnis: Sie wollen die Rückgabe von Raubkunst und menschlichen Gebeinen erleichtern, ohne zu benennen, wie Provenienzforschung als vorgelagerter Forschungsprozess institutionell oder personell an Berliner Sammlungen abgesichert werden soll. Damit bleibt die Frage nach Aufbau und Finanzierung der Forschungsinfrastruktur selbst bei allen fünf Programmen unbeantwortet.
Muster der Positionen: Zu wenige Positionen für ein Muster
Ohne Aussage: CDU, SPD, Linke, AfDPunkte = Parteien in ihren Farben ( CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.
Grundlage: »Zur systematischen Provenienzforschung äußern sich vier der fünf Parteien — CDU, Linke, SPD und AfD — nicht; ihre einschlägig klingenden Passagen behandeln Erinnerungsarbeit oder Gedenkorte, nicht die Herkunftsklärung konkreter Sammlungsobjekte.«