Wahlkompass Berlin

ThemenfelderFamilie

Was sagen die Parteien zur Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe? — Wer soll die Angebote tragen?

Sachfrage: Kinder- und Jugendhilfe: Finanzierung, Struktur und Trägerschaft

Die öffentliche Hand wendete 2024 bundesweit rund 78,8 Milliarden Euro (brutto) für Kinder- und Jugendhilfe auf, ein Anstieg von 9,5 Prozent gegenüber 2023; der größte Anteil entfällt auf Kindertagesbetreuung (66,6 Prozent), gefolgt von Hilfen zur Erziehung (24,9 Prozent). Die Leistungserbringung ist strukturell zwischen öffentlichen Trägern (Jugendämter) und freien Trägern geteilt, finanziert über kommunale Zuschüsse und variable Tagessätze; die konkrete Finanzierungslogik (Projekt- versus Regelfinanzierung, Trägervielfalt) unterscheidet sich stark je Angebotsform. Politisch strittig sind Fragen der Steuerung, Kostendämpfung und Reformbedürftigkeit dieser Struktur angesichts steigender Fallzahlen und Ausgaben.

Forschungsstand & Quellen

Statistisches Bundesamt (Destatis), »Öffentliche Hand gab 2024 rund 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus« (Pressemitteilung/Statistik, 2025); Liane Pluto, Andreas Mairhofer, Christian Peucker, Eric van Santen (Deutsches Jugendinstitut), »Einrichtungen stationärer Hilfen zur Erziehung. Empirische Analyse zu Organisationsmerkmalen, Adressat:innen und Herausforderungen« (2024).

Was die Parteien dazu sagen

CDU

teilweise

»Pflegeeltern in ihrem anspruchsvollen Alltag noch besser unterstützen. Dazu werden wir auch niedrigschwellige psychosoziale Hilfsangebote weiter ausbauen« Beleg ↗
»Durch einen Startbonus und praxisnahe Regelungen machen wir den Alltag von Berlins Pflegefamilien leichter« Beleg ↗

Das Programm adressiert mit der Unterstützung von Pflegefamilien einen konkreten Teilbereich der Kinder- und Jugendhilfe, äußert sich aber nicht zur übergreifenden Finanzierungs-, Struktur- oder Trägerschaftsfrage (Jugendämter vs. freie Träger, Projekt- vs. Regelfinanzierung).

SPD

substanziell

»Die aktuelle Finanzierungspraxis und den Finanzierungsschlüssel bei den Hilfen zur Erziehung reformieren wir so, dass kein Bezirk trotz hoher Bedarfe benachteiligt wird« Beleg ↗
»Träger, die soziale Arbeit im Rahmen von Leistungsverträgen und Zuwendungsprojekten erbringen, versetzen wir in die Lage, ihre Mitarbeitenden tarifgerecht zu bezahlen« Beleg ↗
»Familien brauchen ausreichende Ressourcen – und Jugendämter, die als starke Partner an ihrer Seite stehen« Beleg ↗

Das Programm positioniert sich konkret zur Finanzierungsstruktur der Hilfen zur Erziehung (Reform des Verteilschlüssels gegen Bezirksbenachteiligung) und zur Trägerfinanzierung (tarifgerechte Bezahlung bei Leistungsverträgen/Zuwendungen). Die dritte Fundstelle formuliert dazu nur allgemein die Erwartung ausreichender Ressourcen und starker Jugendämter, ohne eigenes Instrument, ergänzt aber die Ausrichtung.

Bündnis 90/Die Grünen

teilweise

»Wir Bündnisgrüne setzen uns dafür ein, dass in allen Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche sich aufhalten, Kinderschutzstandards verlässlich implementiert werden und wollen Kinderschutzberatungsstellen gesetzlich verankern, damit sie in Zukunft nicht mehr zuwendungsfinanziert und damit abhängig von der aktuellen Haushaltslage sind.« Beleg ↗

Das Programm benennt für einen Teilbereich der Jugendhilfe — Kinderschutzberatungsstellen — ein konkretes Finanzierungsinstrument: gesetzliche statt zuwendungsbasierter, damit haushaltsunabhängiger Finanzierung. Zur Gesamtstruktur der Kinder- und Jugendhilfe (Gesamtausgaben, Verhältnis öffentliche/freie Träger, Projekt- versus Regelfinanzierung, steigende Fallzahlen) trifft es keine Aussage.

Die Linke

substanziell

»Mittelfristig sprechen wir uns für eine neue Finanzierungslogik und eine Abkehr vom Projektcharakter der Kinder- und Jugendhilfe aus« Beleg ↗
»Für umfassend arbeitsfähige Jugendämter müssen die Kosten für die HzE vom Land Berlin in vollem Umfang getragen werden.« Beleg ↗
»Dazu werden wir den Aufbau eigener kommunaler Angebote (Rekommunalisierung) vorantreiben« Beleg ↗
»Wir prüfen in diesem Kontext ein Verbot von gewinnorientierten Konzernen in der Jugendhilfe.« Beleg ↗

Das Programm bezieht substanziell Position zur Finanzierungs- und Trägerschaftsfrage der Jugendhilfe: volle Landesübernahme der HzE-Kosten, Abkehr von Projektfinanzierung hin zu verlässlichen Strukturen, Rekommunalisierung und ein geprüftes Verbot gewinnorientierter Träger. Damit werden konkrete Steuerungsinstrumente benannt, klar zugunsten öffentlicher/gemeinnütziger Trägerschaft.

AfD

teilweise

»Zur Vermeidung von Inobhutnahmen setzen wir auf Angebote der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe... Das Wunsch- und Wahlrecht für Leistungen des Jugendamtes nach § 16 SGB VIII muss konsequent angewandt werden.« Beleg ↗
»Beratung und Sanktionierung sollten im Jugendamt getrennt werden... Jugendämter, freie Träger und Gutachter müssen unabhängig kontrolliert werden... Dazu werden wir die Ombudsstelle Jugendhilfe stärken.« Beleg ↗

Das Programm bezieht Position zur Struktur und Kontrolle der Jugendhilfe — Trennung von Beratung und Sanktion im Jugendamt, unabhängige Kontrolle von Jugendämtern und freien Trägern, gestärkte Ombudsstelle, Wunsch- und Wahlrecht bei Trägern —, äußert sich aber an keiner Stelle zur Finanzierungslogik (Projekt- versus Regelfinanzierung, Ausgabenentwicklung), die die Sachfrage explizit einschließt.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei Finanzierung und Trägerschaft der Kinder- und Jugendhilfe trennt die Parteien der Grad struktureller Neuausrichtung. Die Linke positioniert sich am weitesten: volle Landesübernahme der HzE-Kosten, Abkehr von Projektfinanzierung, Rekommunalisierung und ein geprüftes Verbot gewinnorientierter Träger. Die SPD reformiert den Finanzierungsschlüssel bei den Hilfen zur Erziehung gegen Bezirksbenachteiligung und verpflichtet Träger zu tarifgerechter Bezahlung, ohne die Trägerschaftsfrage grundsätzlich zu stellen. Die Grünen und die AfD setzen jeweils an einem Teilbereich an — die Grünen an der gesetzlichen, haushaltsunabhängigen Finanzierung von Kinderschutzberatungsstellen, die AfD an unabhängiger Kontrolle von Jugendämtern und freien Trägern sowie einer gestärkten Ombudsstelle —, ohne die Gesamtfinanzierung zu adressieren. Die CDU äußert sich nur zur Unterstützung von Pflegefamilien und bezieht zur übergreifenden Struktur- oder Trägerschaftsfrage keine Position.

Muster der Positionen: Verschiedene Ansätze

Die Programme weisen weder in eine gemeinsame noch in zwei entgegengesetzte Richtungen — sie setzen an verschiedenen Stellen an.

Die Synthese beschreibt einen Grad-Unterschied struktureller Neuausrichtung, keinen Richtungsgegensatz: Die Linke positioniert sich am weitesten (volle Landesübernahme, Rekommunalisierung, geprüftes Verbot gewinnorientierter Träger), die SPD reformiert den Finanzierungsschlüssel ohne die Trägerschaftsfrage zu stellen, Grüne und AfD adressieren je einen Teilbereich, die CDU nur die Unterstützung von Pflegefamilien.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei Finanzierung und Trägerschaft der Kinder- und Jugendhilfe trennt die Parteien der Grad struktureller Neuausrichtung.«

Verwandte Fragen, deren Antworten hier hineinspielen: