Was wollen die Parteien gegen gesundheitliche Ungleichheit zwischen Wohnorten und Einkommensgruppen tun?
Sachfrage: Soziale Determinanten von Gesundheit und gesundheitliche Ungleichheit
Der public-health-wissenschaftlich etablierte Befund, dass Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken systematisch mit sozioökonomischem Status (Einkommen, Bildung, Berufsstatus), Wohnregion und Diskriminierungserfahrungen zusammenhängen — unabhängig vom individuellen Gesundheitsverhalten. Der Diskurs unterscheidet dabei Verhaltensprävention (Aufklärung, Eigenverantwortung des Einzelnen) von Verhältnisprävention (Veränderung der Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen, die Gesundheitsverhalten erst ermöglichen oder verhindern) und diskutiert, welches Gewicht Gesundheitspolitik welcher Ebene geben sollte.
Forschungsstand & Quellen
Das Robert Koch-Institut (RKI) betreibt eine eigene Fachabteilung zu sozialen Determinanten von Gesundheit und dokumentiert im 'Journal of Health Monitoring' fortlaufend, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status höhere Krankheitsrisiken und eine geringere Lebenserwartung haben als Menschen mit hohem Status; als Ursachen werden u. a. stärkere Arbeitsbelastungen, prekärere Wohnverhältnisse, geringere gesundheitsbezogene Handlungsspielräume und ungleich verteilte soziale/personale Ressourcen benannt (RKI, 'Sozialer Status und soziale Ungleichheit', laufend aktualisiert). Eine RKI-Auswertung vom 17.03.2025 zeigt, dass sich die Lebenserwartungslücke zwischen wohlhabenden und sozioökonomisch benachteiligten Wohnregionen in Deutschland in den letzten Jahren vergrößert hat. Eine RKI-Pressemitteilung vom 02.03.2026 (Auswertung von Daten aus dem bundesweiten Panel 'Gesundheit in Deutschland' mit über 26.000 Befragten) zeigt zusätzlich, dass Diskriminierungserfahrungen ein eigenständiger, bedeutsamer Risikofaktor für schlechtere Gesundheit und gesundheitliche Ungleichheit sind — unabhängig vom sozioökonomischen Status. International verankert die WHO diesen Forschungsstand im Konzept der 'sozialen Determinanten von Gesundheit' als Kernkategorie der Gesundheitspolitik. Der wissenschaftliche Konsens lautet: Gesundheitsverhalten (Ernährung, Bewegung, Rauchen) ist selbst sozial ungleich verteilt und wird durch Lebens- und Arbeitsbedingungen mitbestimmt — reine Verhaltensprävention (Aufklärung, individuelle Eigenverantwortung) kann gesundheitliche Ungleichheit daher nicht auflösen, ohne dass zugleich die zugrundeliegenden sozialen Verhältnisse adressiert werden.
RKI - Sozialer Status https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Sozialer-Status/sozialer-status-node.html
»medizinische Versorgung für von Obdachlosigkeit betroffene und nicht krankenversicherte Menschen verbessern... Ambulante Gesundheitszentren, psychiatrische Versorgungsangebote und Angebote wie die Obdachlosen-Krankenwohnung sind in allen Bezirken zu verankern« Beleg ↗
Das Programm benennt ein konkretes Instrument gegen Zugangsbarrieren für eine besonders von gesundheitlicher Ungleichheit betroffene Gruppe (Obdachlose, nicht Krankenversicherte), trifft aber keine Aussage zu Einkommens- oder Wohnort-Gefällen allgemein und positioniert sich nicht zum Verhältnis von Verhaltens- und Verhältnisprävention.
SPD
teilweise
»Wir verankern Ernährungsbildung bereits in der Kita, stärken gesundes und kostenfreies Essen in der Gemeinschaftsverpflegung« Beleg ↗
»In allen Bezirken setzen wir Community Health Nurses ein ... die sich im Kiez um Primärversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung kümmern« Beleg ↗
Das Programm der SPD berührt das Thema nur punktuell: kostenfreies Essen in der Kita-Gemeinschaftsverpflegung und kiezbezogene Community Health Nurses für Primärversorgung und Prävention. Den Zusammenhang zwischen Einkommen oder Wohnort und Gesundheitschancen benennt es nicht.
Bündnis 90/Die Grünen
substanziell
»Diese Zentren sollen verbindlich in Gesundheitsregionen eingebunden sein und multiprofessionelle Teams beschäftigen, damit Versorgungslücken geschlossen und Angebote vor Ort besser vernetzt sowie gesundheitliche und soziale Ungleichheiten abgebaut werden.« Beleg ↗
»In allen Bezirken sollen deshalb kommunale Gesundheitskonferenzen verbindlich eingerichtet werden, um Bedarfe vor Ort zu ermitteln, Maßnahmen zu koordinieren und eine wirksame Beteiligung der Berliner*innen zu ermöglichen.« Beleg ↗
»In der Gesundheitsversorgung wollen wir die niedrigschwelligen Gesundheitszentren und Krankenwohnungen ausbauen und den Zugang zu medizinischer Behandlung auch ohne Versicherung verbessern.« Beleg ↗
Das Programm benennt den Abbau »gesundheitlicher und sozialer Ungleichheiten« explizit als Ziel integrierter, multiprofessioneller Gesundheitszentren in den Gesundheitsregionen. Kommunale Gesundheitskonferenzen zur bezirklichen Bedarfsermittlung sowie niedrigschwellige, auch für Unversicherte offene Versorgungsangebote ergänzen dies als verhältnispräventiv wirkende Instrumente gegen sozioökonomisch bedingte Zugangsbarrieren.
Die Linke
substanziell
»Statt überwiegend auf die Behandlung von Krankheiten zu setzen, muss der Fokus stärker auf Prävention und insbesondere Verhältnisprävention gelegt werden – also auf die Gestaltung gesund machender und gesundheitserhaltender Lebensverhältnisse.« Beleg ↗
»Gesundheit entsteht im Alltag – durch gute Wohnverhältnisse, Bildung, Gemeinschaft, gutes Aufwachsen und Altern, Sicherheit und Gute Arbeit. Die politischen Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass individuelle soziale Determinanten keinen Nachteil für die Gesundheit bedeuten.« Beleg ↗
»Ein besonderes Augenmerk legen wir auf die gesundheitlichen Folgen von Wohnungslosigkeit und Armut: Armutsprävention ist Gesundheitsvorsorge.« Beleg ↗
»Eine an der sozialräumlichen Struktur der Stadt ausgerichtete Erhebung von planungsrelevanten Gesundheitsdaten ist eine Voraussetzung.« Beleg ↗
Das Programm bezieht klar Position im Verhaltens-/Verhältnisprävention-Diskurs zugunsten der Verhältnisprävention, benennt soziale Determinanten wörtlich und verknüpft Wohnungslosigkeit/Armut explizit mit Gesundheit; als Instrument fordert es eine sozialräumliche Gesundheitsdatenerhebung.
AfD
fehlt
Das Programm der AfD nennt ›Eigenverantwortung‹ und ›Prävention‹ nur als allgemeine Eingangsformel und stellt keinen Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status, Wohnregion und Krankheitsrisiko her; auch zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention unterscheidet es nicht.
Was die Unterschiede praktisch bedeuten
Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten —
beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose.
Zur Methodik.
Bei der gesundheitlichen Ungleichheit trennt die Parteien, ob sie den Zusammenhang von sozioökonomischem Status, Wohnort und Krankheitsrisiko analytisch benennen oder nur einzelne betroffene Gruppen adressieren. Die Linke bezieht explizit Position im Verhaltens-/Verhältnisprävention-Diskurs zugunsten der Verhältnisprävention und fordert eine sozialräumliche Gesundheitsdatenerhebung; die Grünen benennen den Abbau »gesundheitlicher und sozialer Ungleichheiten« als Ziel verbindlicher Gesundheitszentren und -konferenzen. CDU und SPD setzen demgegenüber punktuelle Instrumente für einzelne Gruppen ein — die CDU für Obdachlose und nicht Krankenversicherte, die SPD über kostenfreies Kita-Essen und kiezbezogene Community Health Nurses —, ohne den Zusammenhang von Status oder Wohnort und Gesundheitschancen allgemein zu benennen. Die AfD äußert sich zu dieser Achse nicht.
Muster der Positionen: Gleiche Richtung
Gemeinsame Richtung: Abbau gesundheitlicher Ungleichheit zwischen Gruppen und Wohnorten — wie verbindlich legen sich die Programme fest?
Absichtserklärung
Festgelegt: Instrument, Zahl und Termin
CDU und SPD nennen je punktuelle Instrumente für einzelne Gruppen (Obdachlosen-Krankenwohnung bzw. Community Health Nurses), die Grünen verbindliche Gesundheitszentren und die Linke eine sozialräumliche Datenerhebung – alle vier ohne Zahl oder Termin.Ohne Aussage: AfDGrüne und Linke benennen den Zusammenhang von sozioökonomischem Status, Wohnort und Krankheitsrisiko analytisch und setzen auf Verhältnisprävention; CDU und SPD setzen punktuelle Instrumente für einzelne Gruppen ein (Obdachlose, Kita-Essen, Community Health Nurses), ohne den Zusammenhang allgemein zu benennen.Stufen: Absicht · Instrument benannt · Instrument + Zahl oder Termin · Instrument + Zahl und Termin. Verbindlich heißt: festgelegt — nicht: besser.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.
Grundlage: »Bei der gesundheitlichen Ungleichheit trennt die Parteien, ob sie den Zusammenhang von sozioökonomischem Status, Wohnort und Krankheitsrisiko analytisch benennen oder nur einzelne betroffene Gruppen adressieren.«