Wahlkompass Berlin

ThemenfelderGesundheit

Was wollen die Parteien gegen lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz tun?

Sachfrage: Versorgungsengpässe in der ambulanten Psychotherapie und psychiatrischen Versorgung

Der fachlich dokumentierte Engpass in der ambulanten psychotherapeutischen und psychiatrischen Regelversorgung: lange Wartezeiten zwischen Erstkontakt und Behandlungsbeginn, ungleiche Verteilung von Kassensitzen (Bedarfsplanungs-Richtlinie), besonders ausgeprägte Engpässe in einzelnen Regionen und Stadtteilen. Ein Themenfeld, das auch in Berlin trotz insgesamt hoher Versorgungsdichte durch ungleiche Verteilung zwischen den Bezirken strukturell relevant bleibt.

Forschungsstand & Quellen

Nach Daten der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) vergehen bundesweit im Durchschnitt 142 Tage zwischen dem ersten Kontakt zu einer psychotherapeutischen Praxis und dem tatsächlichen Behandlungsbeginn; in einzelnen Bundesländern liegen die Wartezeiten auf einen Kassensitz bei neun bis zwölf Monaten. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat in zwei Ausarbeitungen (WD 9-059-22 und WD 9-062-22) die vorliegenden Studien und Umfragen zu Wartezeiten und zur psychotherapeutischen Versorgungslage in Deutschland systematisch zusammengetragen. Die BPtK dokumentiert fortlaufend Versorgungsengpässe in der ambulanten Psychotherapie und fordert eine Reform der Bedarfsplanungs-Richtlinie, um zusätzliche Kassensitze insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen zu schaffen — eine Problemlage, die strukturell der im Programm intensiv behandelten hausärztlichen Unterversorgung des ländlichen Raums entspricht.

Was die Parteien dazu sagen

CDU

substanziell

»die psychotherapeutische Versorgung konsequent am tatsächlichen Bedarf ausrichten und setzen uns dafür ein, dass die Bedarfsplanung basierend auf tatsächlichen Bedarfen neu erstellt wird« Beleg ↗
»Erfolgreiche Projekte wie Soulspace wollen wir auf weitere Standorte ausweiten, um berlinweit erreichbare Anlaufstellen für junge Menschen in Krisensituationen und mit psychischen Problemen zu schaffen« Beleg ↗

Das Programm benennt den Engpass in der Bedarfsplanung ausdrücklich und fordert deren Neuerstellung nach tatsächlichem Bedarf — ein direktes Instrument gegen die ungleiche Verteilung von Kassensitzen — und ergänzt es um den Ausbau niedrigschwelliger Krisenanlaufstellen für junge Menschen.

SPD

substanziell

»Deshalb entwickelt Berlin einen Masterplan psychische Gesundheit. Er ordnet Hilfen neu.« Beleg ↗
»Wir drängen die KV und den Bund auf Reformen der Bedarfsplanung. Mehr Therapieplätze müssen entstehen.« Beleg ↗
»richten wir Weiterbildungsstellen im öffentlichen Gesundheitsdienst für die Pflichtweiterbildung ein« Beleg ↗

Das Programm benennt den Engpass (lange Wartezeiten, schwer zu findende Therapieplätze) explizit und positioniert konkrete Instrumente dagegen: einen Masterplan psychische Gesundheit, eine Reform der Bedarfsplanung mit KV und Bund sowie neue Weiterbildungsstellen zur Fachkräftegewinnung.

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»Um lange Wartezeiten zu reduzieren, fördern wir psychiatrische Einrichtungen personell und finanziell und bauen gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin niedrigschwellige Lotsen- und Vermittlungsangebote aus, damit Menschen schneller Zugang zu passender psychotherapeutischer Versorgung erhalten.« Beleg ↗

Das Programm benennt den Engpass (lange Wartezeiten) explizit und antwortet mit einem konkreten Doppel-Instrument: personelle/finanzielle Förderung psychiatrischer Einrichtungen und ein mit der KV Berlin aufgebautes Lotsen- und Vermittlungsangebot für schnelleren Zugang zu Therapie. Die spezifisch (klein-)regionale Unterversorgung wird nicht gesondert benannt, die Kernsachfrage nach Wartezeit/Zugang aber substanziell mit einem Instrument beantwortet.

Die Linke

substanziell

»Sozialpsychiatrische Versorgung mit Tageskliniken, psychiatrische Institutsambulanzen und stationsäquivalente Behandlungen müssen flächendeckend gegeben sein. Kriseninterventionszentren ... sollen in jedem Bezirk eingerichtet werden. Der Berliner Krisendienst soll stabil finanziert und ausgebaut werden.« Beleg ↗
»Die Linke setzt sich dafür ein, dass Kliniken mehr Plätze für Psychotherapeut*innen in Weiterbildung nach PsychThApprO bereitstellen. Psychotherapeut*innen in Ausbildung sollen eine angemessene Ausbildungsvergütung erhalten.« Beleg ↗
»Die Linke setzt sich dafür ein, die bundesweit 2400 fehlenden Kassensitze gemäß GBA-Studie anteilig für Berlin zu schaffen.« Beleg ↗

Das Programm der Linken setzt auf konkrete Kapazitätsinstrumente gegen Wartezeiten: Ausbau der psychiatrischen Regelversorgung mit Tageskliniken, Institutsambulanzen und Kriseninterventionszentren, mehr Weiterbildungsplätze für Psychotherapeut*innen sowie die gezielte Schließung der bundesweit dokumentierten Psychotherapie-Kassensitzlücke für Berlin.

AfD

fehlt

Das Programm der AfD spricht Wartezeiten nur allgemein bei Haus- und Facharztterminen an und erwähnt den Sozialpsychiatrischen Dienst lediglich als Zuständigkeitsposten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Zu Wartezeiten auf einen Therapieplatz oder zur Verteilung von Kassensitzen in der psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung äußert es sich nicht.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Bei den Wartezeiten auf einen Therapieplatz setzen vier Parteien auf unterschiedliche Instrumente, während sich die AfD zu dieser Sachfrage nicht äußert. CDU und Linke setzen an der Kassensitz- und Bedarfsplanungsstruktur an — die CDU fordert eine Neuerstellung der Bedarfsplanung nach tatsächlichem Bedarf, die Linke die gezielte Schließung der bundesweit dokumentierten Kassensitzlücke sowie mehr Weiterbildungsplätze. Die SPD verbindet eine Bedarfsplanungsreform mit einem eigenen Masterplan psychische Gesundheit, die Grünen ergänzen die personelle und finanzielle Förderung psychiatrischer Einrichtungen um ein mit der Kassenärztlichen Vereinigung aufgebautes Lotsen- und Vermittlungsangebot. Kleinräumige Unterversorgung einzelner Bezirke wird von keiner der vier Parteien gesondert benannt.

Muster der Positionen: Gleiche Richtung

Gemeinsame Richtung: Abbau der Wartezeiten auf Therapieplätze — wie verbindlich legen sich die Programme fest?

Absichtserklärung
Festgelegt: Instrument, Zahl und Termin

CDU, SPD, Grüne und Linke benennen je konkrete Instrumente – von der Neuerstellung der Bedarfsplanung über einen Masterplan bis zu Förder-, Lotsen- und Weiterbildungsangeboten –, aber keine beziffert oder terminiert ihre eigene Berliner Zusage; die von der Linken genannten 2.400 fehlenden Kassensitze sind eine bundesweite Studienzahl, kein bezifferter Berliner Zielwert.Ohne Aussage: AfDDie Parteien setzen unterschiedlich verbindliche Instrumente ein, von Bedarfsplanungsreform über einen Masterplan bis zu Förder- und Lotsenangeboten.Stufen: Absicht · Instrument benannt · Instrument + Zahl oder Termin · Instrument + Zahl und Termin. Verbindlich heißt: festgelegt — nicht: besser.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Bei den Wartezeiten auf einen Therapieplatz setzen vier Parteien auf unterschiedliche Instrumente, während sich die AfD zu dieser Sachfrage nicht äußert.«