Wahlkompass Berlin

ThemenfelderMigration & Integration

Wie sollen Kinder mit geringen Deutschkenntnissen unterrichtet werden — in eigenen Willkommensklassen mit späterem Übergang oder von Anfang an möglichst in der Regelklasse?

Sachfrage: Beschulungsmodell für Kinder mit geringen Deutschkenntnissen

Wenn Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse neu ins Berliner Schulsystem kommen, werden sie zunächst meist in eigenen Willkommensklassen unterrichtet, bevor sie in die reguläre Klasse wechseln. Umstritten ist, wie lange diese Trennung dauern soll, ob feste Altersgrenzen oder Sprachtests über den Übergang entscheiden und ob es daneben dauerhaft getrennte Bildungsgänge geben soll. Die Frage berührt sowohl den Spracherwerb als auch die soziale Teilhabe der Kinder an der Regelschule. Sie steht zur Wahl, weil die Parteien hier von einem raschen, individuellen Übergang in die Regelklasse bis zu einer dauerhaften Parallelbeschulung nach Herkunftscurricula sehr unterschiedliche Modelle vorschlagen.

Forschungsstand & Quellen

Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Universität zu Köln) / Zentrum Lesen der Fachhochschule Nordwestschweiz, Expertise »Wirksamkeit von Sprachförderung« (im Auftrag der Bildungsdirektion des Kantons Zürich): Die Forschungsübersicht kommt zum Schluss, dass rein integrative Beschulungsmodelle rein separierenden Modellen leicht überlegen sind, und empfiehlt, neu zugewanderte Schüler*innen von Anfang an teilweise in die Regelklasse zu integrieren und nur ergänzend separat in Deutsch als Zweitsprache zu fördern.

Was die Parteien dazu sagen

CDU

fehlt

Das Programm der CDU äußert sich nicht dazu, wie Kinder mit geringen Deutschkenntnissen unterrichtet werden sollen.

SPD

teilweise

»Für geflüchtete Kinder stellen wir sicher, dass der Schulbesuch an einem Regelschulstandort erfolgt. Der Übergang an Regelklassen ist spätestens nach einem Jahr sicherzustellen.« Beleg ↗

Die SPD sichert geflüchteten Kindern den Schulbesuch an einem Regelschulstandort zu und befristet den Übergang in die Regelklasse auf spätestens ein Jahr. Zum allgemeinen Modell für alle Kinder mit geringen Deutschkenntnissen äußert sich das Programm nicht näher.

Bündnis 90/Die Grünen

substanziell

»ein alters- und kompetenzabhängiges Konzept zum Übergang von den Willkommensklassen in die Regelklassen« Beleg ↗
»Kinder erhalten unverzüglichen Zugang zu Schulunterricht; Willkommensklassen dürfen nur eine Übergangslösung sein.« Beleg ↗

Die Grünen wollen den Übergang von der Willkommensklasse in die Regelklasse an Alter und Sprachkompetenz ausrichten und betonen, dass Willkommensklassen nur eine vorübergehende Lösung sein dürfen — Kinder sollen möglichst schnell regulären Unterricht besuchen.

Die Linke

substanziell

»Einen segregierten Schulbesuch in Gemeinschaftsunterkünften lehnen wir entschieden ab, genauso wie fixe Altersgrenzen für den Besuch von Willkommensklassen.« Beleg ↗

Die Linke lehnt sowohl einen getrennten Schulbesuch in Gemeinschaftsunterkünften als auch feste Altersgrenzen für Willkommensklassen ab und setzt stattdessen auf einen individuellen, nicht starr geregelten Übergang in die Regelklasse.

AfD

substanziell

»Der erfolgreiche Schulversuch „Differenzierte Sprachförderkonzepte“ („Deutsch-Garantie-Klassen“) sollte ausgeweitet werden: An Berliner Grundschulen … wollen wir Spezialklassen einrichten, in die nur Kinder aufgenommen werden, die – nachgewiesen durch ein wissenschaftlich fundiertes Testverfahren – eine hohe Kompetenz im Bereich der deutschen Sprache aufweisen.« Beleg ↗
»Die Bildungspolitik sollte das Ziel der Rückführung von Migranten durch parallele Beschulung von Flüchtlingskindern in Ausländerregelklassen, möglichst nach den Curricula der Herkunftsländer, unterstützen.« Beleg ↗

Die AfD will das Grundschulmodell der ›Deutsch-Garantie-Klassen‹ ausweiten, das nur sprachlich getestete Kinder mit hoher Deutschkompetenz aufnimmt, und schlägt zusätzlich eine parallele Beschulung von Flüchtlingskindern in eigenen Ausländerregelklassen nach den Lehrplänen der Herkunftsländer vor, verbunden mit dem Ziel der Rückführung.

Was die Unterschiede praktisch bedeuten

Einordnung der Redaktion auf Basis der oben belegten Antworten — beschrieben wird das angestrebte Handeln der Parteien, keine Wirkungsprognose. Zur Methodik.

Beim Beschulungsmodell für Kinder mit geringen Deutschkenntnissen trennt die Parteien die Richtung des Übergangs in die Regelklasse. SPD, Grüne und Linke setzen auf einen zügigen, individuellen Wechsel in die Regelklasse: Die SPD sichert den Schulbesuch am Regelschulstandort und befristet den Übergang auf spätestens ein Jahr, die Grünen richten ihn an Alter und Sprachkompetenz aus und bezeichnen Willkommensklassen ausdrücklich nur als Übergangslösung, die Linke lehnt sowohl einen segregierten Schulbesuch in Gemeinschaftsunterkünften als auch feste Altersgrenzen für Willkommensklassen ab. Die AfD verfolgt die Gegenrichtung: Sie will das Grundschulmodell der Deutsch-Garantie-Klassen ausweiten, das nur sprachlich getestete Kinder mit hoher Deutschkompetenz aufnimmt, und schlägt zusätzlich eine parallele Beschulung von Flüchtlingskindern in Ausländerregelklassen nach den Lehrplänen der Herkunftsländer vor, verbunden mit dem Ziel der Rückführung. Das Programm der CDU enthält zu diesem Beschulungsmodell keine Aussage.

Muster der Positionen: Eine Partei gegen die übrigen

Zügiger, individueller Übergang in die Regelklasse
Dauerhaft getrennte Beschulung mit Rückführungsorientierung

Ohne Aussage: CDUDie SPD befristet den Übergang auf ein Jahr, die Grünen richten ihn an Alter und Sprachkompetenz aus, ohne eine feste Frist zu nennen; die Linke lehnt feste Fristen und Altersgrenzen grundsätzlich ab.Punkte = Parteien in ihren Farben ( CDU,  SPD,  Grüne,  Linke,  AfD); hohl = ohne Aussage; halb gefüllt = äußert sich zu einem anderen Aspekt der Frage.

Grundlage: »Die AfD verfolgt die Gegenrichtung: Sie will das Grundschulmodell der Deutsch-Garantie-Klassen ausweiten, das nur sprachlich getestete Kinder mit hoher Deutschkompetenz aufnimmt, und schlägt zusätzlich eine parallele Beschulung von Flüchtlingskindern in Ausländerregelklassen nach den Lehrplänen der Herkunftsländer vor, verbunden mit dem Ziel der Rückführung.«